Von Carl-Christian Kaisen

Ernst Benda hat sich Redeverbot auferlegt, seit ausgemacht ist, daß ihn Anfang November der Wahlmännerausschuß des Bundestages zum Bundesverfassungsrichter und der Bundesrat anschließend zum neuen Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts wählen wird. Benda schweigt zur Tagespolitik ebenso wie zu seinen Vorstellungen von der Aufgabe, die ihn in Karlsruhe erwartet.

Ist seine Zurückhaltung auch eine Reaktion auf das langwierige und unwürdige Parteiengerangel um die Neubesetzungen im Verfassungsgericht? Man kann annehmen, daß er das monatelange Tauziehen bedauert und daß sein Entschluß, für den Fall seiner Wahl den nach dem Protokoll vierthöchsten Platz im Staate einzunehmen, auch von dem Willen mitbestimmt war, seine Partei, die CDU – und deren Schwester CSU – aus der, Verlegenheit zu befreien, in die sie sich beim Aushandeln des Karlsruher Revirements durch Verschleppungstaktik und interne Rivalitäten hineinmanövriert hatte.

Die selbstgewählte Klausur dient freilich vor allem dazu, sich innerlich auf die Tatsache einzustellen, daß es den Politiker Benda binnen kurzem nicht mehr geben und daß für den Juristen Benda die Berufung an die Spitze des obersten Gerichts zwar den Höhepunkt, aber zugleich auch das Ende seiner Karriere bedeuten wird.

Die Rückkehr eines ehemaligen Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts in die aktive Politik ist sowenig vorstellbar wie eine juristische Tätigkeit, die den Rang des Karlsruher Amtes noch überträfe. Im übrigen ist der 46jährige entschlossen, die Amtszeit von zwölf Jahren, die ihm das Gesetz zubilligt, voll auszufüllen. Er weist mit einer Entschiedenheit, in der Entrüstung mitschwingt, alle Vermutungen zurück, sein Ja zur Kandidatur könne auch etwas mit Skepsis gegenüber den Chancen der CDU/CSU im Wahljahr 1973 zu tun haben.

Die Endgültigkeit des Abschieds von Bonn macht das Abschiednehmen doppelt schwer. Er sei, sagt Benda, immer sehr gern Parlamentarier gewesen. Die Politik habe ihn stets gereizt, denn "da hätte man noch vieles machen können und müssen". Das klingt um so glaubwürdiger, wenn man bedenkt, daß ihm für den Fall eines CDU/CSU-Wahlsiegs in zwei Jahren die Rückkehr auf den Posten des Innenministers oder das Justizressort so gut wie sicher gewesen wären.

Ebenso fällt ihm natürlich der Abschied von Berlin, von seinem Haus am Stölpchensee, schwer. Schließlich ist die Familie seit 1750 in Berlin ansässig. Aber auch was diesen, ebenfalls mit einiger Wehmut beladenen Abschied angeht, kommt sofort ein nüchternes, korrigierendes Wort: "Das sind ein bißchen sentimentale Dinge."