Von Helmut Schneider

Ein Rundgang durch die Herbstausstellung des Württembergischen Kunstvereins macht den Besucher mit Malereien bekannt, an denen die Vorstöße in künstlerisches Neuland seit der Jahrhunderwende weithin spurlos vorbeigezogen sind. Er begegnet altmeisterlich arrangierten Stilleben, topographisch exakten Landschaftsdarstellungen, lebenswahr abkonterfeiten Bildnissen, detailgenauen Architekturbildern in Feinmalerei – anscheinend handelt es sich um die vorverlegte Weihnachtsverkaufsausstellung.

Spätestens bei näherer Beschäftigung mit den Namen und Daten auf den beigegebenen Schrifttäfelchen stellt sich heraus, daß diese Annahme auf einem Irrtum beruht: Was sich hier – über große Strecken malerisch bescheiden – als Abbild der wirklichen Welt präsentiert, gehört zum historisch gesicherten Bestand der Kunst der Zwanziger Jahre. Die Anti-Avantgarde jener Zeit die realistische Seitenlinie, gibt sich die Ehre.

Verständlich (und begrüßenswert), daß die stets ausgrabungsfreudigen Ausstellungsmacher ihre Aufmerksamkeit dem zwischen Spätimpressionismus beziehungsweise -expressionismus und Bauhaus ausgesparten Feld zuwenden. Überraschend ist jedoch das anhaltende Interesse an dieser wiederentdeckten Unterströmung: Die Stuttgarter Übersicht ist nun schon die fünfte dieser Art seit 1966.

Der Reiz der Neuheit ist erschöpft, der Dokumentations- und Informationspflicht Genüge getan – was also macht die Kunstfacette von damals derart vorführenswert? Darauf sind mehrere Antworten möglich, je nachdem, ob man das Bildmaterial unter zeitkritischem Aspekt sieht, es auf seine Gegenwartsbezüge hin untersucht oder es in den historischen Zusammenhang einordnet.

Das Etikett, das Uwe M. Schneede dem Stuttgarter Unternehmen aufgeklebt hat, impliziert bereits die erste Antwort: "Realismus – zwischen Revolution und Machtergreifung." Die Eingrenzung durch markante Geschichtsereignisse verweist auf das politische Geschehen, für das diese Malerei, so wird vermutet, Aufschlüsse, erklärende Andeutungen bereithalten könnte. Kunst, die Wirklichkeit abschildert, wird auch – so die Überlegung – Reflexe gesellschaftlicher Realität vorzeigen.

Bei einer Malerei, die Gesehenes möglichst genau wiedergeben will, scheint dies ohne weiteres gegeben. Vorausgesetzt freilich, der Künstler beschäftigt sich mit dem gesellschaftlich definierten Teil seiner Umwelt. Alexander Kanoldts "Großes Stilleben mit Krügen und roter Teedose" (1922) berichtet nichts über die Inflation; das Bild läßt sich allenfalls als Fluchtbewegung vom Tagesgeschehen weg verstehen. Aber selbst bei erkennbarem Willen, Fakten sozialer Zustände zu übermitteln, mutet das Ergebnis im Nachhinein höchst willkürlich an.