Hat Europa schon kapituliert?

John Ney: "Die europäische Kapitulation – Thesen und Prognosen zur Amerikanisierung Europas"; C. J. Bucher Verlag, Luzern und Frankfurt/M. 1971; 368 Seiten, 25,– DM.

Dies ist die vielleicht eindringlichste Darstellung der fortschreitenden Amerikanisierung Europas. Solange sich Ney vor den gängigen Klischees hütet, ist seine Untersuchung weitaus belangvoller als die Statistiken des amerikanischen Einflusses, die derzeit so in Mode sind und in Jean-Jacques Servan-Schreibers "Amerikanischer Herausforderung" ihr Vorbild haben.

Ney will eben nicht das Geflecht der wirtschaftlichen Macht seines Landes in Europa bloßlegen, obwohl er dazu sicher genügenden Einblick hätte, denn er schriftstellert nicht nur, sondern leitet auch ein bedeutendes amerikanisch-europäisches Geldgeberkonsortium in Genf. Er sucht bei den Europäern nach dem "sichtbaren und psychologischen" Ausdruck ihrer Kapitulation vor den Amerikanern. Also achtet er "auf das Timbre der Stimmen, und nicht auf das, was sie sagen; auf die Verkrampfung der Finger an der Gangschaltung ihres ersten Autos, statt darauf, wem das Herstellerwerk gehört; auf den exakten Ausdruck einer müden Rotterdamer Familie, wenn sie vor dem Fernsehgerät ein bisher noch ungewohntes Fertiggericht mampft, und nicht auf den Programmablauf".

John Ney ist ein guter Beobachter. Er lebt seit einem Vierteljahrhundert in Europa, kennt sich aus in Geschäftswelt und Führungsschicht. Seine Erkenntnisse vermittelt er mit einem Sarkasmus und einer Ironie, die für einen Amerikaner ungewöhnlich sind und sich nur mit einer gewissen "Europäisierung" des Autors erklären lassen.

Die Grundthese des Autors besagt: Die Amerikanisierung Europas ist bereits soweit fortgeschritten, daß eine Revision nicht mehr möglich ist. Der Traum von einem gemeinsamen europäischen Kraftakt zur Überwindung der amerikanischen Hegemonie, wie ihn Servan-Schreiber noch ausmalte, ist längst ausgeträumt. Zum Beweis führt er weniger den Ausverkauf der europäischen Industrie an als die Vorherrschaft der amerikanischen Konsum- und Produktionsideologie in den Ländern Westeuropas, aber auch Osteuropas.

Als Grundursache diagnostiziert er "eine Form behavioristischer Verführung", einen "Reiz zur Aufnahme des Anti-ästhetischen, des Atonalen, des Zerstörerischen".

Leider verläßt er sich bei der Beweisführung nicht immer auf seine Beobachtungsgabe und seinen kritischen Verstand, sondern läßt sich mitreißen von anekdotischen Erlebnissen oder oberflächlichen Empfindungen; oft überzeugend und erschreckend, aber manchmal auch reichlich banal und peinlich.

Hat Europa schon kapituliert?

Die meisten seiner Beispiele belegen, wie selbst ein desolates Amerika noch immer genügend Kraft und Faszination besitzt, um die Europäer in seinen Bann zu schlagen. Ney entdeckt, zwar noch Differenzen im Grad der Amerikanisierung in den einzelnen europäischen Ländern; aber sie sind seiner Meinung nach nur marginal.

Mit den Engländern geht der Autor besonders hart ins Gericht. Die englischen Geschäftspartner seien unfähig, dekadent und zeigten – darin fühlt sich Ney von George Orwell bestätigt – durch ihre Nachgiebigkeit, daß "das englische Volk von einer Sklavenmentalität beherrscht" wird.

Das Urteil über Frankreich fällt nicht viel besser aus. Neys beißende Ironie richtet sich besonders auf de Gaulle, dessen Einfluß auf Gegenwart und Zukunft Frankreichs und auch Europas wohl selten so gnadenlos kritisiert wurde. Der Autor sieht in de Gaulle ein Symbol des "sentimentalen, zurückgebliebenen Europas", dessen "Regierungszeit zu einer ausgefeilten burlesken Posse (wurde) – zur antiamerikanischen Wiedergeburt der heiligen Johanna, mit dem Kreuz von Lothringen in einer Hand, der Schlafmütze auf dem Kopf, der Kerze in der anderen Hand, barfuß auf dem kalten Fußboden, mit Versprechungen, sein Volk zur Unabhängigkeit zu führen, und er endete als Uncle Sams Geheimagent".

Nachsicht übt Ney mit den Deutschen. Obwohl sie seiner Meinung nach viel weiter amerikanisiert sind als etwa die Franzosen oder Italiener, hat dieser Prozeß, wie er glaubt, nicht so viel Schwächen zutage gefördert und die Selbstachtung nicht so sehr zerstört wie in anderen Ländern.

Der Grund: "Nachdem die Deutschen zwei Kriege verloren hatten und als Verbrecher abgestempelt waren, mußten sie nackt vor ihre Richter treten, mußten gestehen, daß es auf ihre Art nicht ging, und hatten Ratschläge anzunehmen. Sie mußten es auf andere Weise versuchen, und welche andere Weise gab es denn außer der des Hauptsiegers, des einzigen Landes, dem es möglich gewesen wäre, sie ganz allein zu schlagen? Die Deutschen waren gedemütigt worden, weil sie politisch und militärisch im Unrecht gewesen waren, nicht etwa durch die abschließende Amerikanisierung; Darin liegt der wesentliche Unterschied gegenüber der Erfahrung des übrigen Europa, das durch die Amerikanisierung gedemütigt wurde."

Eine überzeugende These. Sie wird freilich entwertet durch langatmige, lächerliche Charakterisierungen der Deutschen seitens amerikanischer Landsleute, die Deutschland besser kennen als Ney. Was die Deutschen – so Ney – noch immer nicht übernommen haben, sind der Charme und die Sorglosigkeit der Amerikaner: "Niemand trägt samstagmorgens alte Kleider, niemand legt die Füße hoch, niemand ist jemals völlig unbefangen."

Weniger überzeugend geraten Ney die Urteile über die Situation im Ostblock. Die Atmosphäre von Hotelbars und Nachtklubs ist gewiß nicht typisch. Allzu rasch schließt er von den armseligen Dörfern abseits der Straßen nach Prag und ihren hoffnungslosen Bewohnern auf die Unfähigkeit des Kommunismus, aber ähnliche Trostlosigkeit kann John Ney auch in East-St. Louis oder den Armutsgebieten der Apalachen finden.

Hat Europa schon kapituliert?

"Die europäische Kapitulation" hat deutliche Schwächen. Der Kenntnisstand Neys gerät ins Zwielicht, wenn er zum Beispiel behauptet, von Freitagabend an stauten sich die Lastwagen an der deutsch-österreichischen Grenze bei Salzburg, weil die Zollbeamten ein langes Wochenende haben möchten (und nicht, was die wirkliche Ursache ist, weil es ein Wochenendfahrverbot für Lkw auf deutschen Autobahnen gibt). Auch die Übersetzung läßt zu wünschen übrig, wenn pathetic immer wieder mit "pathetisch", big deal mit "große Angelegenheit" und billions mit "Billionen" übersetzt werden.

Aber diese Mängel ändern nichts am Wert der informativen Gesamtschau. Der Autor enthält sich jedes moralischen Urteils über die "Amerikanisierung und dem sich damit parallel vollziehenden Untergang europäischer Wertvorstellungen. Vielleicht wäre John Ney mit einer solchen Wertung auch überfordert gewesen. Dieser Eindruck drängt sich nicht auf, weil Ney den "geheimen Todeswunsch" Europas offenlegt, und seine Bewohner als hilflose Gefangene der Vergangenheit charakterisiert, sondern weil er sich selbst als einen Prototyp der amerikanischen Eroberer decouvriert; sie mögen häufig sehr intelligent sein, Koryphäen auf dem Gebiet der Moral sind sie sicher nicht.

Obwohl es möglicherweise das Gegenteil bezwecken soll, könnte das Buch leicht die Amerikanisierung weiter vorantreiben, weil es die Amerikaner so zeigt, wie sie sich selber, aber auch immer mehr Europäer sich gern sehen möchten: reich, unabhängig, oberflächlich, "clever" und mit jener Skrupellosigkeit behaftet, die heute anscheinend mehr denn je zuvor zum Erfolg prädestiniert. Dieter Buhl