"Die europäische Kapitulation" hat deutliche Schwächen. Der Kenntnisstand Neys gerät ins Zwielicht, wenn er zum Beispiel behauptet, von Freitagabend an stauten sich die Lastwagen an der deutsch-österreichischen Grenze bei Salzburg, weil die Zollbeamten ein langes Wochenende haben möchten (und nicht, was die wirkliche Ursache ist, weil es ein Wochenendfahrverbot für Lkw auf deutschen Autobahnen gibt). Auch die Übersetzung läßt zu wünschen übrig, wenn pathetic immer wieder mit "pathetisch", big deal mit "große Angelegenheit" und billions mit "Billionen" übersetzt werden.

Aber diese Mängel ändern nichts am Wert der informativen Gesamtschau. Der Autor enthält sich jedes moralischen Urteils über die "Amerikanisierung und dem sich damit parallel vollziehenden Untergang europäischer Wertvorstellungen. Vielleicht wäre John Ney mit einer solchen Wertung auch überfordert gewesen. Dieser Eindruck drängt sich nicht auf, weil Ney den "geheimen Todeswunsch" Europas offenlegt, und seine Bewohner als hilflose Gefangene der Vergangenheit charakterisiert, sondern weil er sich selbst als einen Prototyp der amerikanischen Eroberer decouvriert; sie mögen häufig sehr intelligent sein, Koryphäen auf dem Gebiet der Moral sind sie sicher nicht.

Obwohl es möglicherweise das Gegenteil bezwecken soll, könnte das Buch leicht die Amerikanisierung weiter vorantreiben, weil es die Amerikaner so zeigt, wie sie sich selber, aber auch immer mehr Europäer sich gern sehen möchten: reich, unabhängig, oberflächlich, "clever" und mit jener Skrupellosigkeit behaftet, die heute anscheinend mehr denn je zuvor zum Erfolg prädestiniert. Dieter Buhl