Von Gustav Adolf Henning

Es gibt ein Schädlingsbekämpfungsmittel, das – gemessen am DDT und anderen Giften – geradezu ideale Eigenschaften hat. Es hinterläßt in den Ernten keinerlei Rückstände, kann sich also in der Nahrungskette von Pflanzen über Tiere zum Menschen nicht anreichern. Für Mensch und Haustier ist es harmlos und überdies sehr billig, denn es wirkt, einmal angewendet, über Jahre hinweg gratis weiter, indem es sich selbst erhält und verstärkt. Eine Resistenz können die Schädlinge gegen dieses Mittel kaum erwerben. Schließlich ist es so "umweltfreundlich", daß es die natürlichen Feinde der Schädlinge nicht beeinträchtigt. Denn dieses "Mittel" sind die natürlichen Feinde selbst.

Da fressen Florfliegenlarven die Blattläuse. Raubwanzen vernichten die Larven schädlicher Käfer, Raubmilben die in Gewächshäusern gefürchtete "Rote Spinne". Winzige Erzwespen, zu denen die kleinsten aller Insekten gehören, legen ihre Eier in den Eiern von Schadinsekten ab. Und die Schlupfwespen schildert der amerikanische Entomologe Professor Howard Evans so anschaulich als "kleine Helfer, die ihre Legeröhren in der Morgensonne schwenken und ausrücken, um den Menschen vor den Folgen seiner eigenen Technik zu retten" – nämlich vor den Nebenwirkungen seiner Insektizide.

Sich mit diesen Mächten zu verbünden, sie zu schonen, notfalls aus dem Ausland zu importieren und anzusiedeln, sie in Massen zu züchten und damit bedrohte Kulturen zu überschwemmen, das ist die älteste, in ihren Möglichkeiten immer noch unausgeschöpfte Methode der biologischen Schädlingsbekämpfung. Segelt sie heute mit ihren Nützlingen in einem Aufwind, den die umweltvergiftende Pestizidszene der Gegenwart erzeugt hat?

Professor Jost Franz, Leiter des Darmstädter "Instituts für biologische Schädlingsbekämpfung", das nach neunzehn Jahren provisorischer Unterbringung in diesen Wochen in moderne Laborgebäude umziehen soll, kann nachweisen, daß der Aufwind aus mehreren verschiedenen Richtungen kommt und auch schon seit längerer Zeit weht. Denn bereits seit 1955 ist der prozentuale Anteil wissenschaftlicher Veröffentlichungen über biologische Methoden im Steigen und der über chemische Verfahren im Sinken. Im Institut für Insektenforschung der amerikanischen Landwirtschaftsbehörde gingen in den fünfziger Jahren noch über 60 Prozent der Ausgaben für Forschung und Entwicklung an die Pestizidabteilung, heute nur noch 20 Prozent. Entsprechend stieg der Aufwand für biologische Verfahren.

Da sie billig sind, belasten sie die bei zunehmender Überproduktion sinkenden Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse nicht so sehr wie die teureren Spritzmethoden. Toxische Rückstände zu vermeiden rückt dort in den Vordergrund, wo man nicht gezwungen ist, mit den schnell wirkenden chemischen Mitteln drohende Hungersnöte oder Tropenseuchen von hundert Millionen Menschen abzuwehren. Schließlich hat der Durchschnitts-Bundesbürger schon so viel DDT in seinem Fett gespeichert, daß sich mit dieser Menge 400 Millionen Stubenfliegen töten ließen – sofern die Fliegen nicht längst resistent geworden sind.

Der Definition nach versteht man unter biologischer Schädlingsbekämpfung das Vermindern des Vorkommens eines Schädlings oder eines Unkrauts durch den Einsatz natürlicher Feinde. Das können auch Krankheitserreger der Insekten sein wie Bakterien, Viren oder Pilzsporen. Sehr elegant sind die sogenannten "genetischen Methoden". Bei dieser Technik werden die Schadinsekten in Massen gezüchtet und dann mittels Strahlung oder Chemikalien sterilisiert und freigelassen. Übt man dies im großen Stil und mehrfachwiederholt aus, dann läßt sich der Schädling in weiten Landstrichen vollkommen ausrotten. Die Südstaaten der USA sind mit dieser Methode von der Schraubenwurmfliege, einem Schädling der Viehzucht, befreit worden, und gegenwärtig werden erste Freilandversuche gegen den Tabakschwärmer in den USA und gegen die Tsetsefliege in Afrika vorbereitet, die den Schlafkrankheitserreger überträgt.