Von Josef Müller-Marein

Paris, Ende Oktober

Der Besuch des Mannes, den man die "Nummer eins" Sowjetrußlands nennt, hatte in Paris seine Schatten weit und kräftig vorausgeworfen. Zuerst hatten die Rechtsradikalen angekündigt, sie würden "Mörder, Mörder!" rufen. Schriftlichen Protest hatten die Maoisten und andere Linksradikale eingereicht, Dann war die Nachricht von einer Bittschrift russischer Juden an den Staatschef Pompidou gekommen: Er möge seinem Gast ins Gewissen reden. Am "Mahnmal des unbekannten jüdischen Märtyrers" wollten junge Leute sich niederlassen, um dort mit einem "Hungerstreik" zu demonstrieren, wie ernst ihnen der Anruf an Rußlands mächtigsten Mann war: "Laßt unser Volk ziehen!"

Zugleich sollte eine Volksbefragung ergründen, was die französischen Bürger von der Visite hielten. 74 von 100 erwiderten: gute Einladung; 4 von 100 sagten: schlechte Einladung; 22 von 100 meinten: keine Meinung. Und da die Gelegenheit so günstig war, erbat und erhielt das Institut Sofres auch gleich Antwort auf die Frage, ob Rußland eine gottlob verbündete oder aber eine gefährliche Macht sei und was man in dieser Hinsicht von anderen Mächten zu halten habe. Resultat: 52 von 100 sagten, Rußland sei erfreulicherweise eine verbündete Macht, ebenso wie die Bundesrepublik Deutschland und wie Amerika; diese Freundschaften müßten gepflegt werden. 15 Prozent erklärten, die Sowjets seien und blieben eine Gefahr; 33 von 100 wußten weiter nichts zu sagen. Übrigens schnitten die zum Vergleich herangezogenen Chinesen lange nicht so günstig ab.

Die Landung der riesigen "Iljuschin 62" am vergangenen Montag 14.30 Uhr in Paris-Orly wurde natürlich stark beachtet. Aber der Start einer Boeing 727 der Air France war ebenfalls nicht unbeachtet geblieben: Sie flog mit 48 Zwangspassagieren an Bord nach Korsika.

"Eine Geschichte frei nach Kafka", sagte mit bitterem Tone einer der Fluggäste wider Willen, nämlich der tschechische Schriftsteller Pavel Tigrid, von dem es heißt, er habe das Wort vom "Prager Frühling" geprägt. Es waren hauptsächlich Tschechen, aber auch einige Russen, die die Stadt verlassen mußten, in die der sowjetische Gast einziehen würde. Es war auch ein französischer Student dabei, der vor einiger Zeit nach Moskau geflogen und zum Roten Platz gepilgert war, um öffentlich gegen die Verurteilung der nonkonformistischen Schriftsteller zu protestieren.

Als man die Evakuierten telephonisch anrief: "Wie steht’s?", erklärte Pavel Tigrid: "Nachdem wir im ‚Salatkorb‘ (also im Gitterwagen) zum Flugplatz transportiert worden waren, gerieten wir in einen Luxuszustand auf Korsika. Flug und Hotel kostenlos. Herrliches Wetter. Wir können baden, werden allerdings dreimal täglich namentlich, wenn auch höflich aufgerufen. Unter anderen Umständen würden wir die Reise sehr genießen. Wer wir sind? Ingenieure, Schriftsteller. Die einen lesen, die anderen spielen Schach. Ich schreibe weiter an meinem Manuskript über ‚Die Machtstruktur in den totalitären Staaten‘..."