Wie lockt man den Nachwuchs in eine Branche, in der in den kommenden fünf Jahren von 180 000 Beschäftigten mindestens 25 000 ausscheiden sollen und in der nach Überzeugung des nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministers Riemer weitere 10 000 bis 15 000 Arbeitsplätze gefährdet sind? Um die Lösung zu finden, gibt die Ruhrkohle AG jetzt über eine Million Mark aus. Denn soviel kostet die gegenwärtige Nachwuchswerbung für "moderne und zukunftssichere Berufe im Bergbau".

Dabei muß die Ruhrkohle nicht nur gegen die Folgen der bereits 15 Jahre andauernden Krise des Bergbaus kämpfen. Sie versucht auch, das schlechte Image eines Berufes zu überwinden, den die Einheimischen von jeher nicht besonders liebten.

So ist zu erklären, daß in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts allein aus Ostpreußen 160 000 Arbeiter zuwanderten und daß bis zum Ersten Weltkrieg mehr als 200 000 Polen im Ruhrbergbau Arbeit suchten. Kommentar der vergeblich Umworbenen im Ruhrpott: "Je weiter jemand von der Kohle entfernt wohnt, desto eher ist er für die schwere und gefährliche Arbeit im Pütt zu gewinnen."

Die Ruhrkohle AG umwirbt den Nachwuchs denn auch folgerichtig nicht mehr mit den Bezeichnungen "Bergarbeiter", "Knappe" oder "Kumpel". Sie sucht den "Superkerl", den Bergfacharbeiter, der höchste Schichtleistung im europäischen Bergbau bringt. Oder den "Verbindungsmann", den Fernmeldemonteur, der auf der Zeche die Verbindung vom Streb zum Förderturm und auf der Strecke schafft. Gefragt ist auch der "Schnellschalter", der über und unter Tage die Motoren, Maschinen und Geräte überwacht und pflegt.

Mit solchen modernisierten Berufsbildern will die Ruhrkohle ihrem Nachwuchsmangel abhelfen. Es fehlt an jungen Leuten: das Durchschnittsalter der Beschäftigten liegt gegenwärtig bei 40 Jahren und nimmt alljährlich um ein Jahr zu.

Vor dem letzten Krieg gehörten immerhin knapp 60 Prozent der Belegschaft im Bergbau zur leistungsfähigsten Altersgruppe zwischen 18 und 40 Jahren. Heute ist dieser Anteil bei der Ruhrkohle AG auf 44 Prozent gesunken. Bei den Untertagearbeitern hat sich die Altersgliederung sogar noch ungünstiger entwickelt.

Diese Zahlen sähen sicher noch ungünstiger aus, arbeiteten nicht viele ausländische Arbeitskräfte an der Ruhr. Sie verlassen erfahrungsgemäß im besten Arbeitsalter Immerhin stehen bei der Ruhrkohle AG 21 600 Ausländer in Lohn und Brot, das sind rund 12 Prozent der Gesamtbelegschaft. Dabei stellt die Türkei mit 14 700 Arbeitern den Löwenanteil.