Neu in Museen und Galerien:

Frankfurt Bis zum 21. November, Kunstverein: "Genovés"

Juan Genovés, 1930 in Valencia geboren, paßt sehr gut ins engagierte Programm des Frankfurter Kunstvereins. Unmißverständlich hat er Sinn und Zweck seiner Arbeit formuliert: "Soziologisch-politische Zusammenhänge so klar wie möglich mit Malerei aufzuzeigen." Genovés lebt in Madrid; was er aufzeigt, ist Brutalität, Terror. Nicht die Täter, nicht die Machthaber werden dargestellt, sondern die Opfer, die anonyme Masse, dunkle Silhouetten, Schatten im hellen Kreis eines Scheinwerfers, der die Flüchtenden verfolgt und einholt. Man sieht, wie Panik entsteht und sich ausbreitet, wie die Masse durch Panik atomisiert, in winzige Partikel hilfloser und verzweifelter Gesten aufgesprengt wird. Man sieht die Folgen, nicht die Ursachen dieser latenten Bedrohung, die nur selten und dann nur am Rand des Bilds Gestalt annimmt in der Form von Gewehrläufen und Polizeiknüppeln. Genoves arbeitet mit farbigen Äquivalenten für das Moment der Gefährdung, mit grellen Schwarzweiß- oder "gefährlichen" Rotviolettkontrasten. Oft wird das Ereignis in mehreren Phasen dargestellt, ein Film rollt ab mit eingefrorenen Bildern. Die erste Einstellung zeigt das Opfer im vergrößerten Schattenriß, der Bildbetrachter wird alsdann in die Rolle des Augenzeugen versetzt, er muß mitansehen, wie der Mann stufenweise nach hinten gezerrt und ins Dunkel verschleppt wird. Genoves hat die Motive nicht erfunden. Er arbeitet nach Photographien, die ihm die Schablonen für seine Bilder liefern und den direkten Bezug zur Realität herstellen. Daß es sich um die spanische Realität handelt, steht außer Frage. Daß Spanien diese Bilder trotz ihrer eindeutigen Aussage als offiziellen Beitrag auf die Biennale nach Venedig geschickt hat, gehört zu den bemerkenswerten Widersprüchlichkeiten seiner Kulturpolitik. Diese erste Genoves-Gesamtausstellung in der Bundesrepublik, 34 Bilder aus den Jahren 1966 bis 1971, geht von Frankfurt weiter nach Berlin, Stuttgart und Recklinghausen.

Gottfried Sello

München Bis zum 21. November, Staatsgalerie Moderner Kunst (im Haus der Kunst): "Henry Moore 1961-1971"

Skulpturen, eine vom Künstler zusammengestellte Übersicht über die Produktion des vergangenen Jahrzehnts, Zeichnungen, das Oeuvre von 1922 bis heute im Querschnitt, Radierungen aus den Jahren 1969/70, Variationen zum Thema "Elephant Skull" – eine Ausstellung, die auf geschickte Weise eine Vorstellung vom Gesamtwerk vermittelt. Die bis auf zwei Ausnahmen erstmals in Deutschland gezeigten Skulpturen machen deutlich, daß der dreiundsiebzigjährige Altmeister der zeitgenössischen Bildhauerkunst entschlossen auf das Klassikerpantheon zumarschiert: Moore, mit souveräner Gelassenheit über sein Repertoire an Gestaltungsmitteln verfügend, beglückt seine Bewunderer mit harmonischen Formen. Der kantige Aufruhr plastischer Massen gehört der Vergangenheit an; Ausgewogenheit, Eleganz (mitverursacht durch die virtuose Oberflächenbehandlung) und eine Vorliebe für mächtige Dimensionen bestimmen den Eindruck, den man kurz mit "gefällig" umschreiben kann. Moores Spätwerk ist nicht frei von Spuren des perfekten Styling. Diese Kunst sitzt, um Claes Oldenburg zu zitieren, mit dem Hintern fest im Museum. Das soll kein Vorwurf sein, nur eine Standortbestimmung: Moore hat seinen Platz dort verdient, wenn auch mit Wirkungslosigkeit vielleicht etwas teuer erkauft. Denn, so eindrucksvoll die Lösungen der letzten Jahre sind, sie bleiben unverbindlich. Von beunruhigender Energie, Vitalität, Konflikten (den von Moore genannten Merkmalen stimulierender Kunst) ist nur noch wenig zu spüren.

Helmut Schneider