Von Gisela Stelly

Daß irgend etwas „irgendwie psychisch“ nicht in Ordnung ist, gilt von immer mehr Menschen. Und immer mehr sind bereit, einen Psychologen aufzusuchen, auch wenn es sich nur um kleine „psychische Defekte“ handelt, die indessen im täglichen Umgang mit anderen recht störend sein können. Zum Beispiel wenn ein junger Mensch bei kleinsten Anlässen rot wird (und darunter leidet). Wie kann da geholfen werden? Anhänger der sich in den letzten Jahren mehr und mehr durchsetzenden Verhaltenstherapie sagen: es muß nur „umgelernt“ werden. Statt Freudscher Psychoanalyse wenden sie die Lerntheorie an. Und sie haben Erfolge.

Die Grundsätze der Lerntheorie klingen zunächst recht einfach und zugleich ermutigend: Jedes Verhalten des Menschen ist erlernt; Antrieb, etwas zu lernen, sind Belohnung und Bestrafung; Belohnung und Bestrafung stärken oder schwächen das erwünschte oder unerwünschte Verhalten.

Das ist plausibel, zumal die Erinnerung an die Ohrfeigen und Bonbons der Eltern da ist, an die schlechten und guten Zensuren der Schule, an Mißfallen und Wohlwollen der Umwelt. Nach dieser Behandlung aber – so die Verhaltenstherapeuten – hat das Kind gelernt, welche Fahrkarte es lösen muß, um auf einen bestimmten Bahnhof zu gelangen. Aber auch der junge Mensch, der beim Flirten rot wird, hat „gelernt“, rot zu werden. Damit hat er nach unseren heutigen Vorstellungen von freieren Beziehungen zwischen den Geschlechtern etwas Falsches gelernt. Solche Hemmungen, die sich bis zur Frigidität oder Impotenz entwickeln können, waren früher ein Fall für den Psychiater. Nun soll man umlernen: Die Verhaltenstherapeuten bitten in ihre Praxis.

Jens Corssen, 29, und Michael Kronberger, 27 Jahre alt, sind die ersten Verhaltenstherapeuten in der Bundesrepublik, die auf privater Basis praktizieren. Als diplomierte Lerntheoretiker führen sie seit zwei Jahren in München gemeinsam ein Institut, in dem nicht mehr. Vater Freud „heilt“, sondern der Patient „lernt, sein Verhalten zu ändern“. Welche Mechanismen zur Verhaltensänderung führen, läßt sich am Beispiel vom Pawlowschen Hund erklären.

Dieser Hund lernte – schon vor mehr als fünfzig Jahren –, daß, wenn ein Glockenzeichen ertönte (konditionierter Reiz oder Stimulus), das Futter (ursprünglicher Reiz), bald folgen wird. Zeichen seines Lernens war die Speichelsekretion (response = Antwort), die sich beim Glockenzeichen vermehrte. Später aber folgte auf den Ton kein Futter mehr. Der Hund reagierte eine Zeitlang noch wie gelernt. Als die Belohnung (das Futter) jedoch längere Zeit ausblieb, produzierte sein Organismus keinen Speichel mehr, das heißt, der Hund verlernte sein Verhalten wieder.

Menschliches Verhalten bildet sich auf dieselbe Weise: Menschen lernen, weil sie belohnt oder bestraft werden. Und sie verlernen, wenn ihr Verhalten nicht mehr belohnt oder bestraft wird. Die Lerntheorie zur Behandlung dessen, was die orthodoxe Psychotherapie als Psyche bezeichnet, anzuwenden, ist keine neue Erfindung. In der Bundesrepublik freilich sind die Münchner Verhaltenstherapeuten unter den ersten, die der Psychoanalyse praktizierend nicht nur Konkurrenz machen, sondern sich auch als Konkurrenz verstehen. Neurosen zum Beispiel kennen sie nicht. Sie sagen: Ängste, Phobien, Schuldgefühle sind gelernt; sexuelle Störungen, Stottern sind gelernte Verhaltensweisen.