Löwenthal blieb es vorbehalten, aus dem mageren Material eine trübe Brühe zu kochen“, so schrieb die ZEIT Anfang dieses Jahres zur Kontroverse Löwenthal–Nannen. Inzwischen ist der ZDF-Moderator gezwungen worden, sein Selbstgebrautes bis zur Neige auszulöffeln: Gerhard Löwenthal und das ZDF verpflichteten sich am 15. Oktober gegenüber dem Mainzer Landgerichtsrat Wieland, öffentlich über ihren Bildschirm bekanntzumachen, daß „sorgfältige Recherchen“ ergeben haben, daß „weder Weidemann noch ein Angehöriger seiner Einheit für Verhöre, Todesurteile und Hinrichtungen verantwortlich oder daran beteiligt waren“.

Löwenthal, der sich erst kürzlich auf dem CSU-Parteitag als Journalist von hohen Graden feiern ließ, bemühte zur Rechtfertigung das journalistische Selbstverständnis. Zu diesem gehöre es, „daß ein Journalist nicht zögert, seinen Irrtum auch einzugestehen. Deshalb zögert das ZDF-Magazin heute nicht... die im Zusammenhang mit den Vorgängen von Bevilacqua gegen Hans Weidemann und gegen die politische Glaubwürdigkeit von Henri Nannen erhobenen Vorwürfe in aller Form zurückzunehmen“.

Soweit ging Löwenthals Selbstverständnis allerdings nicht, daß er diese Erklärung seinen Zuschauern selber verlesen mochte. Wenn er dazu gezwungen werde, so drohte er, werde er sein Amt als Moderator niederlegen. Nachrichtensprecher Wrobel mußte einspringen.

Was Gerhard Löwenthal im Dezember vorigen Jahres in zwei Sendungen seinen Zuschauern präsentierte, sollte den Hamburger stern-Chef moralisch vernichten. Er warf Nannen damals vor, er beschäftige einen „Mann namens Weidemann“, der während des Krieges im oberitalienischen Bevilacqua einen Partisanen und eine unschuldige Geisel erhängt habe. Und Nannen, heute Weidemanns Chef, sei damals mit von der Partie gewesen. Aus dem Zusammenhang der von Löwenthal gezeigten Filme, Interviews und Photos mußte der unbefangene Zuschauer den Eindruck gewinnen, als hätten die beiden ein paar gemeinsame Leichen im Keller.

„Wäre ich ein Privatmann, ein Angestellter oder Beamter – ich wäre wohl erledigt gewesen“, sagte Nannen später. Doch das ZDF traf keinen Wehrlosen: Hier traf Apparat auf Apparat. Der stern setzte seine Reporter ein – zeitweilig waren sechzehn Mann unterwegs.

Schon recht früh zeichnete sich ab, daß Löwenthal und sein journalistischer Handlanger Meyer der falschen Fährte gefolgt waren. Doch nach dem spektakulären Fernsehgespräch Löwenthal–Nannen, in dessen Verlauf der stern-Chef in seiner Wortwahl nicht gerade zimperlich, Löwenthal einen Verleumder nannte, war das ZDF nicht bereit einzugestehen, daß die erhobenen Vorwürfe gegen Nannen und Weidemann nicht länger haltbar waren. Die Gerichte sollten entscheiden.

Löwenthal und das ZDF bequemten sich erst zum Einlenken, als die von den Stern-Reportern herbeigeschafften Materialien keinen Zweifel mehr zuließen, daß nicht Weidemann, sondern ein Hauptmann Lembcke für jene Vorfälle in Bevilacqua verantwortlich sei. Die Reporter fanden auch heraus, daß die beiden Unteroffiziere, die das Todesurteil in Bevilacqua vollstreckten, als angesehene Bürger in der Bundesrepublik leben. Der eine, Akademiker und Chef einer Behörde, brach in einen Weinkrampf aus, als mit den Stern-Reportern nach siebenundzwanzig Jahren die Vergangenheit zur Tür hereintrat: „Ich habe zwei Söhne, die studieren; was soll ich tun?“

Sterw-Reportern fiel schließlich auch noch ein siebzig Seiten starkes Manuskript in die Hände, das vor anderthalb Jahren Journalisten des Axel-Springer-Hauses zusammengestellt hatten. Monatelang hatten Springers Spürhunde die Lebensfährte des stern-Chefs verfolgt. Doch das Ergebnis dieser Schnüffelei war selbst Welt-Chefredakteur Kremp zu vage und unbewiesen. Er und Springer wollten sich die Finger nicht verbrennen.

Dem ZDF-Präzeptor paßte dieses Material ins rechte Konzept. „Er wollte den Weidemann schlagen, um Nannen zu treffen, aber er meinte die Ostpolitik des Kanzlers Brandt“, schrieb eine italienische Zeitung. Der Text, den Löwenthals Mitarbeiter Meyer in Bevilacqua dann vor der Kamera sprach und der gesendet wurde, als sich Nannen in Warschau „den Ostwind um die Nase wehen ließ“, stimmte denn auch in längeren Passagen mit Springers Nannen-Dossier wörtlich überein.

Erst als Löwenthal erfuhr, daß stern-Reporter auch dieses Manuskript entdeckt hatten, hißte er die weiße Fahne und erklärte sich zum öffentlichen Eingeständnis seines Irrtums bereit.

Für Henri Nannen und den stern ist damit der Fall erledigt. Nannen: „Es ist also, wie ich schon im Dezember 1970 gesagt habe: Von den Vorwürfen gegen meinen Mitarbeiter Hans Weidemann wegen der Ereignisse in Bevilacqua wird nichts übrigbleiben. Es ist nichts übriggeblieben.“ „Nachdem dies klargestellt ist“, fiel es Nannen denn nun auch seinerseits nicht mehr schwer zu erklären, daß „der stern dem ZDF und seinen Mitarbeitern Fälschung und Manipulation zum Zweck der politischen Diffamierung nicht mehr vorwirft“.

Für Löwenthal und das ZDF sollte dieser Fall allerdings noch nicht ad acta gelegt sein. Nicht Löwenthals Meinung, seine Methode stand ja zur Diskussion. Und seine Methode steht auch heute noch zur Diskussion. Der ZDF-Moderator bediente sich unsauberer Tricks und stümperhafter Recherchen. Die Mainzer Fernsehräte sollten sich überlegen, ob sie solchen Mißbrauch ihrer Anstalt verantworten wollen.

Haug von Kuenheim