Zur Kritik am Mythos des Reformators und besonders zur Gegenkritik

Von Walter Leo

Am deutschen Volkshelden Martin Luther darf nicht gerüttelt werden. Als vor einigen Jahren ein katholischer Forscher bezweifelte, ob denn der Reformator am 31. Oktober 1517 wirklich seine 95 Thesen an die Tür der Schloßkirche von Wittenberg genagelt habe, und behauptete, sie seien nur schriftlich verbreitet worden, erregte diese im Grunde belanglose Frage den Unwillen von lutherischen Gläubigen. Denn diese Behauptung beschädigte das volkstümliche Bild vom einsamen Mönch, der mit ein paar Hammerschlägen das Mittelalter zum Einsturz bringt.

Diesmal ist es ernster. Dieter Fortes Schauspiel "Martin Luther und Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung" stellt alles auf den Kopf, was durchschnittliche evangelische Bürger im Religions- und Konfirmandenunterricht über Luther gelernt haben. Hier sieht man nicht den Glaubenshelden, der auf dem Reichstag zu Worms unerschrocken gegen den Kaiser auftritt, weil er nur seinem Gewissen folgt. Fortes Luther läßt die Gewissen anderer nicht gelten, schlägt sich auf die Seite der Herrschenden, gegen die Bauern, und begründet theologisch jene Gesinnung, die noch für die unmenschlichste, ungerechteste Ordnung ein frommes Bibelwort zu finden weiß.

Fortes Schauspiel ist dramaturgisch glänzend gemacht und hat Erfolg. Vierundzwanzig deutsche Bühnen haben es aufgenommen, ausländische werden folgen. Die Zuschauer sind begeistert oder schockiert, die Lutheraner empört, vielleicht auch besorgt. Denn dieser Bildersturm gegen Luther spielt sich in der Öffentlichkeit ab, nicht unter Gelehrten. Und es ist nicht das Stück eines zornigen jungen Mannes, der sich einmal einen ganz anderen Luther ausgedacht hat. Die Texte und der historische Zusammenhang bei Forte sind authentisch, keine Fälschung.

Luther läßt sich, bei Forte, von Mächten hin und her schieben, denen es nicht um Religion, sondern um Interessen geht. Die Fürsten werden in ihrem Feldzug gegen die Bauern vom Bankhaus Fugger finanziert und von Luther theologisch unterstützt. Denn Luthers Evangelium steht nicht auf Seiten der Unterdrückten, sondern der Obrigkeit. Sie vertritt Gott; wer sich gegen sie empört, empört sich gegen Gott. Und Rebellen dürfen, ja müssen von den Herrschenden totgeschlagen werden. Das ist ein Akt der Barmherzigkeit, weil nur so Gottes Ordnung wiederhergestellt wird. Luthers "Barmherzigkeit" wird an den Bauern und seinem theologischen Gegner Thomas Münzer denn auch praktiziert.

Das alles ist historisch. Trotzdem ist der Schock vieler Zuschauer begreiflich, kennen sie doch nur Luthers Denkmal, nicht seine historische Figur. In diesem Bauernfänger, der mitten in der größten Schlächterei heiratet (selbst Freund Melanchthon ist entsetzt), erkennen sie ihren Martin Luther nicht wieder, der im Kreise seiner Familie frohe Glaubenslieder singt. Zwar lassen sich die meisten dieser schockierenden Elemente aus der politischen Geschichtsschreibung zusammentragen, Rankes "Deutsche Reformationsgeschichte" eingeschlossen, aber die Deutschen haben ihre Historiker nie so genau gelesen.