Von Joachim Schwelien

New York im Oktober

Sechs Tage wogte das Rededuell im Glaspalast der Vereinten Nationen am East River. Sechs Tage verhieß jedes der beiden Lager in der UN-Vollversammlung seinen Sieg in der China-Debatte. An jedem Abend veranstalteten die UN-Missionen ihre geheime Kopfzählung: Welche Delegationen würden für den albanischen Antrag, welche für die amerikanischen Anträge stimmen? Wer schwankte da noch? Am Montag, dem 25. Oktober 1971, kurz vor Mitternacht, schlug die Stunde der historischen Wahrheit: Das China Mao Tse-tungs wird in die Weltorganisation aufgenommen, das China Tschiang Kaischeks wird ausgeschlossen.

Rechts und links vom Podium des Präsidenten flammten zum letztenmal die Ziffern auf den Abstimmungstafeln auf. 76 Mitglieder der UN stimmten für die Zulassung Pekings und den Ausschluß Taipehs, 35 dagegen, 17 enthielten sich der Stimme, drei Nationen waren abwesend. Die Niederlage der Vereinigten Staaten war vernichtend, der Triumph Mao Tse-tungs überwältigend.

Hing das Abstimmungsergebnis auch von der ersten bis zur letzten Stunde in der Schwebe, so war doch in den Sitzungen kaum etwas von der Dramatik der Entscheidung zu spüren. Die Stühle der Delegierten in dem weiten Oval blieben meistens zur Hälfte leer. In den Wandelgängen amüsierten sich die Schlachtenbummler über das Ausbleiben des Vertreters der Malediven. Dieser Inselstaat im Indischen Ozean ist 1965 unabhängig geworden und seither Mitglied der UN. Sein Delegierter erscheint aber seit zwei Jahren nicht mehr in New York, weil seine Reisespesen höher sind als die finanziellen Zuwendungen der Vereinten Nationen für die Nation von 108 000 Einwohnern. Aber die Stimme der Malediven wog bei dem Beschluß über die Zulassung einer Nation von 800 Millionen ebenso schwer wie die jedes anderen Mitgliedes. Nicht auszudenken, daß bei einer Stimmengleichheit für die Anträge Albaniens und Amerikas der Maledive doch noch aufgetaucht wäre.

Denn Mao Tse-tung hatte geschworen, China werde keinen Fuß in die Vereinten Nationen setzen, solange dort noch ein Vertreter Taiwans auftrete; auch die größte Mehrheit für die Zulassung Chinas könne ihn nicht umstimmen, wenn Taiwan Mitglied bliebe. In diesem "Alleinvertretungs-Anspruch" ist sich Mao Tse-tung bei aller sonstigen totalen Feindseligkeit mit Tschiang Kai-schek völlig einig: Festlandchina und Taiwan bilden nach ihrer Ansicht ein unauflösbares Ganzes. Diesem Rechtsstandounkt haben sich die Amerikaner überdies mit der Unterschrift Präsident Roosevelts unter die Kairoer Deklaration von 1943 angeschlossen – heute wollen sie das nicht mehr wahrhaben.

Die Albaner, das Sprachrohr Pekings in den UN, hatten die "Wiederherstellung aller Rechte der Volksrepublik China" in den Vereinten Nationen gefordert und mit dem Antrag auf unverzüglichen Ausschluß der Vertreter Tschiang Kai-scheks aus der Völkerorganisation verknüpft. Die Amerikaner hatten dagegen vorgeschlagen, zwar die Volksrepublik zuzulassen und ihr auch den vetoberechtigten ständigen Sitz im Sicherheitsrat zu überlassen, gleichzeitig aber Taiwan in der Vollversammlung zu behalten. Als Sicherungsriegel hatten die Amerikaner zudem noch ihren alten Verfahrenstrick der vergangenen Jahre vorgeschoben: ein Beschluß zum Ausschluß Taiwans sollte zu einer "wichtigen Frage" erklärt werden, bei der eine Zweidrittelmehrheit der Vollversammlung erforderlich gewesen wäre.