Der amerikanische Chefdelegierte George Bush, ein texanischer Politiker mit dem Image eines Vizepräsidenten in der Nixon-Mannschaft des kommenden Jahres, agitierte zwar mit dem Eifer eines Wahlredners, aber doch von einer äußerst wackligen rechtlichen Position aus. Die amerikanischen Resolutionen, so trumpfte er auf, bedeuteten weder eine Zwei-China-Politik noch eine „Ein-China-plus-ein Taiwan“-Politik. Jedermann außer Bush wußte es anders. Bush schmetterte den albanischen Antrag mit dem Einwand ab, der führe zum „Ausschluß“ eines Mitgliedes der UN, und das könne einen verhängnisvollen Präzedenzfall schaffen. Er schien nicht zu bemerken, daß auch sein eigener Antrag zumindest eine Teilamputation der bisherigen Rechte Nationalchinas nach sich gezogen hätte, nämlich die Entfernung aus dem Sicherheitsrat, zu der Taiwan keinerlei Zustimmung gegeben hatte.

Zu allem Überfluß waren sich sogar die Hauptakteure – die Vereinigten Staaten und Nationalchina – demonstrativ uneins. Der Außenminister Taiwans, Tschau Schu-kai, wollte keinen Millimeter Boden preisgeben und gab sich nicht damit zufrieden, gegen den Ausschluß Nationalchinas zu protestieren. Er polemisierte gleichermaßen vehement gegen die Zulassung Pekings und bezog damit eine Stellung, die bestenfalls noch von zweien der 131 UN-Mitglieder verteidigt wurde. Statt sich wenigstens zusammen mit den Amerikanern auf eine verteidigungsfähige letzte Linie abzusetzen, zog er schließlich gegen die Amerikaner blank. Er verdammte die jetzt nach seiner Meinung vorherrschende „pazifistisch-isolationistische Stimmung des amerikanischen Volkes“. So ließ Tschiang Kai-schek in New York die Hand der Amerikaner beißen, die ihn bis heute stützt.

Die ermüdende Monotonie der Debatte, die plätschernde Wiederholung vertrauter rechtlicher und politischer Argumente wurden dann und wann wenigstens von den Farbtupfern der Polemik und der Zwischenfälle belebt. Der sowjetische Delegationsleiter Jakob Malik verhöhnte die Darlegung des Amerikaners Bush als „Märchen für Kinder vor dem Eintritt in das Schulalter“. Der Albaner Nesti Nase sprach fast zeremoniell von den „sowjetischen Revisionisten“, so daß der Abgesandte des Kreml zeitweilig den Saal verließ. Der Albaner wiederum suchte mit gespielter Indignation das Weite, als der nationalchinesische Delegierte zu Wort kam. Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen gelang es dem Vertreter einer public relations-Firma aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn namens Daniel McColgan, das Rednerpodest zu erklimmen und sein privates Manuskript zur China-Debatte aus der Tasche zu ziehen. Er wurde noch ehe er zu sprechen anhob, von zwei UN-Wächtern überwältigt und zur psychiatrischen Untersuchung abgeführt.

Giftiger ging es zu, als – ohne irgendeinen erkennbaren Zusammenhang mit dieser Aussprache – unbekannte Terroristen mehrere Schüsse auf das Gebäude der sowjetischen UN-Mission abfeuern. George Bush entschuldigte sich zwar sofort für sein Gastland, doch Jakob Malik war damit nicht zufrieden: dröhnend macht er für das noch gar nicht aufgeklärte Attentat „zionistische Extremisten“ schuldig, die von den Amerikanern zu Gewalttaten aufgewiegelt worden seien. Der Streit flammte auf die Delegierten Israels, Syriens und Saudi-Arabiens über.

Als Montag nacht die Entscheidung herannahte, schien die Langeweile der vorangegangenen Tage wie weggewischt. Die Tische der Delegierten waren bis auf den letzten Platz besetzt. Das Rennen nach Peking, das Nixon gestartet hatte, ließ sich nicht mehr aufhalten.

Die Anträge der amerikanischen Delegation, über den Ausschluß Nationalchinas mit Zweidrittelmehrheit oder über die einzelnen Teile des albanischen Antrages getrennt abzustimmen, wurden mit ständig wachsender Mehrheit niedergestimmt. Die Nationalchinesen zogen die bittere Konsequenz sofort. Sie verließen den Saal noch vor der Abstimmung über den albanischen Antrag – nach einem kurzen und würdigen Abschiedswort ihres Chefdelegierten. Ihr Auszug wurde auch von vielen Teilnehmern dieses spektakulären Schauspiels, die dieses Ergebnis gewünscht hatten, mit einem Schuß Mitgefühl begleitet.

Als das Abstimmungsergebnis aufleuchtete, führten Delegationen aus Asien und Afrika mit den kommunistischen Abgeordneten Freudentänze auf. Nur die Sowjets blieben schweigsam und zurückhaltend.