Von Timothy Raison

Vor zehn Wochen veröffentlichte unser Redaktionsmitglied Theo Sommer an der Stelle des Leitartikels einen offenen Brief an einen englischen Freund, den konservativen Abgeordneten von Aylesbury, Timothy Raison. Zwei Tage vor der EWG-Abstimmung im Unterhaus schickte er seine Erwiderung.

"Lieber Ted, am 1. Juli haben Sie mir in der ZEIT einen offenen Brief geschrieben, in dem Sie mich auf höchst freundschaftliche und verständnisvolle Weise drängten, ich möge doch den britischen Beitritt in den Gemeinsamen Markt unterstützen. Sie erinnerten daran, daß wir über das Thema im Laufe der Jahre oft diskutiert hatten – zuerst 1960 bei Henry Kissingers Seminar in Harvard, danach bei vielen Königswinter-Konferenzen der Deutsch-Englischen Gesellschaft. Zu Recht sagten Sie, ich sei stets voller Skepsis gegenüber dem britischen Beitritt gewesen, obwohl ich vielleicht hinzufügen darf, daß ich den Wert des Gemeinsamen Marktes für Westeuropa niemals in Zweifel gezogen habe.

Vielleicht hätte ich Ihren Brief gleich beantworten sollen; aber ich habe mich nicht nur aus Trägheit nicht gemeldet. Die Wahrheit ist, daß ich mich damals noch nicht öffentlich festgelegt hatte; und ich wollte natürlich meinen Wählern als ersten mitteilen, wie ich mich entscheiden würde. Doch wußte ich wohl damals schon, daß ich die Regierung unterstützen würde – einfach deswegen, weil die in Brüssel ausgehandelten Eintrittsbedingungen besser waren, als ich erwartet hatte.

Noch bei der diesjährigen Königswinter-Konferenz, Ende März, nahmen einige der britischen Teilnehmer die deutschen Kollegen geradezu unter ein Trommelfeuer, um die entscheidende Bedeutung der Eintrittsbedingungen zu unterstreichen, vor allem der Bedingungen für die neuseeländische Milchwirtschaft und für die armen Zuckerproduzenten des Commonwealth.

Ich glaube, daß die Deutschen, – wie übrigens auch manche Engländer – diese Sorge um die Bedingungen als etwas künstlich empfanden, um nicht zu sagen: als einen Verhandlungstrick. Doch scheint mir, daß wir, ehe die Konferenz auseinanderging, klarzumachen vermochten, daß es sich dabei für uns um ganz wesentliche Dinge drehte. Wir konnten einfach unsere alten Commonwealth-Freunde nicht im Stich lassen – und wir wollten nicht gern einem Europa beitreten, das eben dies von uns verlangte.

Wenngleich unsere deutschen Freunde dies in Königswinter einzusehen begannen, so blieb doch nicht viel Zeit, dieser Einsicht auch in Brüssel zum Durchbruch zu verhelfen.