Auf dem Freiburger Parteitag fand die FDP zu sich selbst

Von Rolf Zundel

Freiburg, im Oktober

Das war gewiß nicht der größte Parteitag der Freien Demokraten. Wer 1967 die Schlacht von Hannover erlebt hat, den Großangriff auf den damaligen Parteivorsitzenden Mende und die alten Bastionen der Ostpolitik, wer in Freiburg 1968 dabei war und die Wahl Scheels, den Senkrechtstart Dahrendorfs und die Belagerung durch die Apo noch in Erinnerung hat – auf den wirkte der Freiburger Parteitag 1971 lange Zeit wie eine langweilige Pflichtübung: ohne große Spannung, ohne Höhepunkte.

Die Vorabende der früheren Parteikongresse waren meist der Konspiration gewidmet. Hinter den Kulissen wurde der Kampf vorbereitet, der nachher im Plenum ausgetragen wurde. Diesmal beschäftigte sich der Vorstand – ein völlig neues FDP-Gefühl – schlicht mit der Tagesordnung. Ralf Dahrendorf, der 1968 mit roter Nelke im Knopfloch und liberalen Höhenflügen für Stimmung gesorgt hatte, war diesmal eine kaum beachtete Randfigur. Walter Scheel, der 1968 nicht ohne Mühe auf den Posten des Parteivorsitzenden gehievt worden war, ist heute so unbestritten Erster Mann der Partei, daß er es sich leisten konnte, der Diskussion für viele Stunden den Rücken zu kehren und seinen Geschäften als Außenminister nachzugehen.

Die FDP beginnt sich allmählich auf ihre neue programmatische Linie einzupendeln. Der konservative Flügel ist schwächer geworden. Die Altliberalen sind zum Teil abgewandert, zum Teil haben sie resigniert. Der linke Flügel wagt, teils aus neugewonnener Einsicht, teils aus taktischen Überlegungen, nicht mehr, einen verkappten Sozialismus zu predigen. Über die Thesen zur Gesellschaftspolitik, die der Parteitag in Freiburg meist mit großen Mehrheiten beschloß, ist schon so lange in vorbereitenden Gremien und in den Landesverbänden beraten worden, daß sich manche gefährlichen Schärfen abgeschliffen haben. Eine breite Mittelgruppe trägt nun dieses Programm. Es wurde zwar hart diskutiert, aber die Partei spaltete sich nicht in unversöhnliche Gruppen. Seit vielen Jahren hat sich die FDP nicht mehr so geschlossen präsentiert.

Die Freien Demokraten hatten auch allen Grund dazu. Just zu Beginn des Parteitags mußte die FDP eine schwere Niederlage bei den Kommunalwählen in Baden-Württemberg, im liberalen Stammland, verdauen. Die Rolle der FDP ist offensichtlich für viele Wähler nicht mehr oder noch nicht überzeugend. Sie haben kein überzeugendes Motiv, dieser Partei ihre Stimme zu geben. Nicht die Partei, so formulierte Dahrendorf mit ungeminderter Brillanz, ist gegenwärtig das Problem der FDP, sondern ihre Wähler sind es.