Sowjetische Kommunisten üben Kritik am letzten Jahrzehnt der Kreml-Außenpolitik

Die Zustände in der Welt von heute entwickeln sich in einer sehr gefährlichen Richtung. Jetzt finden wir nicht mehr nur zwei gegensätzliche Lager. Das sozialistische Lager ist faktisch gespalten. Es hat sich ein neues Lager, mit China an der Spitze, gebildet. An vielen Stellen der Erdkugel herrschen außergewöhnlich komplizierte Verhältnisse. In der UdSSR und in den USA ist ein Riesenarsenal von verschiedenartigsten Waffen aufgespeichert, vor allem von Atom- und Wasserstoffwaffen, einschließlich der Mittel zu ihrer Beschaffung. Schnell steigert auch China sein Atomwaffenpotential. Nicht nur zwischen sozialistischen und kapitalistischen Ländern steigern sich die Gegensätze, sondern auch zwischen sozialistischen Ländern innerhalb des früheren sozialistischen Lagers...

Bekanntlich basierte die Außenpolitik der UdSSR nach dem Kriege auf dem Kräfteverhältnis, das sich in der Welt gegen Ende der vierziger Jahre herausgebildet hatte. Damals vereinigte die UdSSR, die gerade einen überzeugenden Sieg über den deutschen und japanischen Faschismus errungen hatte, unter ihrer Führung ein Drittel der Menschheit. Auf der geschlossenen Landmasse. von Europa und Asien entstand das mächtige Lager der sozialistischen Länder mit ungefähr einer Milliarde Menschen. Zusammen mit ihren Verbündeten besaß die UdSSR eine bedeutende militärische Überlegenheit, wobei sie nur auf dem Gebiet der Atomwaffen zurückstand. Jedoch schon zu Beginn der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre würde diese Rückständigkeit offensichtlich völlig beseitigt.

Die kapitalistische Welt durchlebte schwere Zeiten. Die europäischen kapitalistischen Länder waren sehr geschwächt, ebenso wie Japan. In diesen Ländern entwickelte sich eine starke kommunistische und demokratische Bewegung. Die Kolonialwelt zerfiel, alle hauptsächlichen Kolonien der europäischen kapitalistischen Länder erlangten Unabhängigkeit. Einige europäische Länder versuchten ihre Herrschaft in den Kolonien mit Waffengewalt zu erhalten, aber im ganzen waren diese Versuche erfolglos. Die dominierende Stellung in der kapitalistischen Welt hatten die USA, die damals auch die Hauptlast der "Verteidigung" der kapitalistischen Welt auf sich nahmen

Im ganzen kann man diese Periode als einen Vormarsch der sozialistischen Kräfte in der UdSSR und in der ganzen Welt bezeichnen. Das sozialistische Lager dominierte in Asien, in der UdSSR und China mit ihren Verbündeten. Es stellte eine große Macht in Europa dar, in der UdSSR, in den sozialistischen Ländern und in der kommunistischen Bewegung in den kapitalistischen Ländern. Die UdSSR verstand es, durchaus feste Positionen im Nahen Osten und in Afrika einzunehmen (in der Vereinigten Arabischen Republik, im Irak, in Ghana, Guinea, Mali, Algier und so weiter). Schließlich wurde zu Anfang der sechziger Jahre unser Einfluß auch in Lateinamerika dauerhafter, das bis dahin fast völlig unter der Kontrolle der USA gestanden hatte. Aber im Laufe der sechziger Jahre veränderte sich allmählich das Kräfteverhältnis in der Welt...

Nach dem Kriege haben die Vereinigten Staaten ihre Wirtschaft in schnellem Tempo entwickelt. Hier gab es keine ernsthaften wirtschaftlichen Krisen. Gerade in den USA begann die wissenschaftlich-technische oder die "zweite industrielle Revolution". Es gab einen riesigen Sprung vorwärts bei der Entwicklung von Technik und Wissenschaft, ebenso auf dem Gebiet der Bildung. Schnell wuchs die Ertragsfähigkeit der Arbeit in Industrie und Landwirtschaft. Das Wachstum des Nationaleinkommens beschleunigte sich in den USA, im Vergleich zur Vorkriegszeit, beträchtlich. Besonders schnell entwickelten sich einige neue Industriezweige: chemische Industrie, Elektronik, Fabrikation von Werkzeugen, Produktion und Einsatz von Computern. Schnell vergrößerte sich die Produktion von Elektroenergie, Erdöl und Gas, Autos und vielen Konsumgütern. In der Bilanz bewahrten die USA, was die Technik und Wirtschaft betrifft, die Position der stärksten Nation der Welt. Das Bruttosozialprodukt der USA ist heute, schließt man das Gebiet der Dienstleistungen mit ein, nicht weniger als zweimal so groß wie das Bruttosozialprodukt der UdSSR.

Der Zusammenbruch des Kolonialsystems, das heißt des rückwärtigen Gebiets des Imperialismus, führte nicht zum Zusammenbruch oder auch nur zu einer wesentlichen Schwächung der wirtschaftlichen Positionen der früheren Metropolländer. Um ihre Wirtschaft zu entwickeln, waren die neu entstandenen Nationalstaaten Asiens und Afrikas gezwungen, wirtschaftliche und technische Hilfe bei den mehr entwickelten Ländern zu suchen. Das aber erlaubte den kapitalistischen Ländern, ihre Präsenz in der sogenannten Dritten Welt in veränderter Form, oft in der Form eines Neo-Kolonialismus, fortzusetzen. Bis zu einem gewissen Grade vergrößerte die beginnende wirtschaftliche Entwicklung der früheren Kolonien und Halbkolonien sogar den Absatzmarkt für Industriewaren der einstigen Metropolen. Infolgedessen konnte man in den meisten Ländern Westeuropas in der Nachkriegsperiode einen wirtschaftlichen Aufschwung beobachten.