Sie sagte nur "nein". So einsilbig beschied die 23jährige Psychologie-Studentin Margrit Schiller, zur Zeit dunkelhaarig, 1,83 Meter groß, den Hamburger CDU-Bundestagsabgeordneten Dietrich Rollmann auf die Fragen, ob sie den Besuch ihrer Mutter wünsche und ob er ihr bei der Suche nach einem Anwalt behilflich sein könne. Die Absage beendete das "Gespräch" zwischen dem Freund ihrer Eltern, das Verwunderung auslöste, weil es vorschriftswidrig ohne Zeugen geführt wurde, und der Untersuchungsgefangenen, gegen die ein Haftbefehl wegen Verdachts des "gemeinschaftlich vollendeten Mordes" an dem Polizeimeister Norbert Schmid und "gemeinschaftlich versuchten Mordes" an dem Polizeimeister Heinz Lemke vorliegt.

Mußmaßungen über die Zugehörigkeit Margrit Schillers zur "Baader-Meinhof-Gruppe" verdichteten sich bald zu journalistischer, wenngleich noch keineswegs kriminalistischer Gewißheit. Die Studentin war in der Nacht zum Freitag vergangener Woche den Polizeibeamten Schmid und Lemke aufgefallen, die in Zivil die letzten S-Bahn-Fahrer an der Endstation Hamburg-Poppenbüttel beobachteten – ein Routine-Auftrag zur Verhinderung von Einbrüchen, die sich in jener Gegend stark häuften. Als die Beamten Margrit Schiller kontrollieren wollten, lief sie davon. Zugleich näherten sich ein Mann und eine Frau, von denen die beiden Polizisten zunächst meinten, sie wollten ihnen zur Hilfe eilen. Doch dann erkannte Schmid: "Die sind ja bewaffnet." Er wurde mit vier Schüssen niedergestreckt.

Eine Kugel war tödlich. Sie kam nach polizeilicher Ermittlung aus einer 5,6-mm-Pistole. Das Paar ist flüchtig. Bei Margrit Schiller, die wenig später vor einer Telephonzelle festgenommen wurde, fand man eine durchgeladene, jedoch unbenutzte Neun-Millimeter-Pistole. Seit Freitagmorgen sitzt Margrit Schiller in Untersuchungshaft.

Die sich überstürzenden Ereignisse lösten in der Hansestadt eine Welle der Empörung, Hilfsmaßnahmen und Hinweise der Bevölkerung aus. Mehr als 300 Spuren, in großer Zahl anonym übermittelt, mußten aufgenommen werden. Am Wochenende startete die Polizei mehrere Großaktionen. Im Norden Hamburgs wurden Häuser, Wälder und Autobahnabschnitte durchforscht. Trotz Gesichtsschutz und kugelsicherer Westen rangen die Polizisten um Selbstvertrauen, und rücksichtsvolle Familienväter unter ihnen verschwiegen ihren Ehefrauen den Auftrag des Einsatzes. "Hysterie gibt es bei uns nicht", sagt indes Polizeisprecher Günter Schilaski. "Bei uns ist man nur aufmerksamer, die Kontrollen werden noch gründlicher."

Das Werben um Verständnis bei der Bevölkerung war Tage zuvor von höchster Stelle torpediert worden. Die gewaltsame Vorführung von Margrit Schiller vor der Presse löste bei den Anwesenden und der angeschlossenen Fernsehöffentlichkeit eine Gegenreaktion aus. Dazu Wolf Dieter Reinhard von einem Anwaltskollektiv, das die Interessen der Studentin wahrnimmt: "Selbst Polizeipräsident Redding war es schließlich zuviel. Wahrscheinlich stoppte er, als Fräulein Schiller nichts von ‚Scheißbullen‘ gesagt hatte." Vollends irritiert waren die Journalisten, als man ihnen kurz nach der inhumanen Präsentation – die ihnen das Photographieren. angeblich zwecks Fahndungshilfe ermöglichen sollte – einwandfreie, aktuelle Fahndungsphotos von Margrit Schiller überreichte.

Beschwerden gegen das "erschreckende Beispiel der Mißachtung der Menschenwürde" formulierten die FDP-Bürgerschaftsabgeordnete Helga Schuchard und die Jungdemokraten; Strafanzeige gegen den Polizeipräsidenten haben bisher die Redaktion der Zeitschrift Kritische Justiz und das Hamburger Anwalts-Trio erhoben, bei dem sich, so Rechtsanwalt Reinhard, "viele Bürger, besonders aus der älteren Generation, über das Vorgehen der Polizei beschwert haben".

Margrit Schiller sieht ihre Lage "realistisch". In der ersten Unterredung mit ihren Anwälten sei klargeworden, daß sie sich der "hysterischen Polizei und Justiz" (Schiller) ausgeliefert fühle. Indizien für ihre Mutmaßung bekommt sie weiterhin zu spüren. Obwohl in Untersuchungshaft, muß sie Strafanstaltskleidung tragen. Sie befindet sich in strenger Einzelhaft. Ihre Zelle ist ständig beleuchtet, zu Bett und Toilette haben sich immerhin inzwischen Tisch, Stuhl und Schrank gesellt. Die Hände werden ihr auf den Rücken gefesselt, sobald sie die Zelle verläßt. Kontrolle alle halbe Stunde. Die gegen diese Hafterschwerung eingelegte Beschwerde wurde abgelehnt.