Lesebuch

Jürgen Eick (Hrsg.): So nutzt man den Wirtschaftsteil einer Tageszeitung. Societätsverlag, Frankfurt. 540 Seiten, 32 DM

Eigentlich sollte eine Tageszeitung so redigiert und geschrieben sein, daß sie auch ohne Hilfe eines dicken Lexikons gelesen und genutzt werden kann. Die Redakteure der Frankfurter Allgemeinen Zeitung muß aber in dieser Hinsicht schon lange ein heftiger Zweifel geplagt haben. Selbst den klugen Köpfen, die bekanntlich immer hinter einer FAZ stecken, trauen sie es offenbat nicht zu, ohne eine umfangreiche Gebrauchsanweisung mit dem Wirtschaftsteil des Blattes zurecht zu kommen. Dieses Nachschlagewerk wenigstens sei "für jedermann verständlich", wird argwöhnischen Lesern auf einer eigens um das Buch herumgelegten blauen Schleife ausdrücklich versichert.

Wer sich durch solche beruhigenden Hinweise zum Kauf des Werkes bewegen läßt, dem wird gleich im Einführungskapitel Lebenshilfe geboten: "Wirtschaft geht jeden an", erfährt man sofort im ersten Satz. Einige Zeilen weiter folgt ein interessanter historischer Rückblick: "Zeitungen gab es schon, als die Menschen noch in der Postkutsche führen, und immer war es ihre Aufgabe, den Leser zu informieren, aufzuklären." Wer hätte das gedacht?

Mit ein paar Seitenhieben auf diejenigen, die glauben, daß auch Vorgänge in der Wirtschaft interessant und lesbar dargestellt werden können, erläutert Jürgen Eide dann, warum ein guter Wirtschaftsteil eben doch langweilig sein muß. Sehr nützlich ist schließlich sein Hinweis: "Das Buch ... kann hintereinander weg gelesen werden wie jedes andere Buch auch, das einen interessanten Stoff darbietet." Beim Leser eines solchen Werkes darf eben keine Frage offen bleiben.

Ganz im Sinne dieser Maxime wird einige Seiten weiter das Faksimile einer FAZ-Seite geboten. "Anzeigenteil" steht zur Erläuterung mit dicker schwarzer Pinselschrift quer über den Inseraten auf der unteren Hälfte der Seite. Man sieht’s und ist unversehens wieder ein Stück tiefer in die Geheimnisse des Zeitungswesens eingedrungen. Und damit nicht genug. Auf Seite 33 wird verraten, daß nicht nur der japanische Kaiser nach dem Krieg auf seine Göttlichkeit verzichtet hat. Ganz offen und ohne Umschweife geben die Verfasser nämlich zu: "Journalisten sind auch nur Menschen und keine Halbgötter. Sie können trotz aller Bemühungen irren und irregeführt werden." Wie man hört, ist dieses Eingeständnis sogar ohne Druck der USA zustande gekommen – was sich vom Tenno schließlich nicht sagen läßt.

Dem aufmerksamen Leser erschließt sich bald die feinsinnige Komposition des Gemeinschaftswerkes der FAZ-Wirtschaftsredaktion. Der Hinweis auf die Zeit der Postkutsche ist nämlich keineswegs Zufall. Denn mit so neumodischem Kram wie Mitbestimmung, Vermögenspolitik oder Betriebsverfassungsgesetz geben sich die Verfasser gar nicht erst ab. Wer weiß, wie, mißtrauisch FAZ-Menschen solchen – wenn auch sehr aktuellen – Fragen gegenüberstehen, den wundert das nicht. Erstaunlicher schon, daß man im Register auch vergeblich nach dem Stichwort Floating sucht. Im Wirtschaftsteil der "Frankfurter" kommt es seit Monaten fast täglich vor und sicher wüßte der eine oder andere Leser gern, was das eigentlich ist. Sein Pech.