Ausgangssituation für diese Frage ist die hohe Zahl von Abtreibungen. Sie wird selbst durch die geplante Reform des Paragraphen 218 nicht sinken. Denn vor einer wirklichen Reform schreit Bundesjustizminister Jahn zurück. Sein am vergangenen Freitag vorgelegter Referentenentwurf läßt keinen Zweifel mehr daran, daß Jahn in der Frage der Schwangerschaftsunterbrechung lediglich zu einer "Indikationslösung" bereit ist. Die "Fristenlösung", nach der in den ersten drei Monaten jeder Schwangerschaftsabbruch straflos bliebe, lehnt er weiterhin ab. Deswegen hatte Jahn sich schon vor einiger Zeit für "flankierende Maßnahmen" zur Reform des Abtreibungsverbots ausgesprochen. Das sind Maßnahmen, die die Zahl der ungewollten Schwangerschaften niedrig halten könnten. Zu ihnen gehört die Idee von der Pille auf Krankenschein, mit Verve vertreten von der FDP-Bundestagsabgeordneten Liselotte Funcke und deren SPD-Kollegin Annemarie Renger.

Der Justizminister befürwortet die Idee. Die großen Ärztevereinigungen "Hartmannbund" und "Verband der niedergelassenen Ärzte" lehnen diesen – so sagen sie – "Nulltarif im Bett", ab. Und der für die Frage zuständige Arbeits- und Sozialminister Arendt ist ebenfalls dagegen. Er will nicht einsehen, warum die "Leute jenseits von Gut und Böse das Vergnügen der Jugend bezahlen" sollen.

Zu zahlen wären – wie Experten im Arbeitsministerium errechnet haben – etwa 200 Millionen Mark. Andere meinen gar, die Mehrbelastung für die gesetzlichen Krankenkassen würde sich auf eine halbe Milliarde jährlich belaufen, wenn alle in Frage kommenden Frauen sich die Pille verschreiben ließen. (Zur Zeit nehmen sie etwa dreißig von hundert Frauen.) Zwar rechnet Annemarie Renger gegen: "Den Krankenkassen werden Folgeleistungen für unsachgemäße Abtreibungen erspart", fordert aber zugleich gynäkologische Untersuchungen als Voraussetzung für Pillenrezepte, weswegen die Krankenkassen einwenden: "Dann wird’s ja noch teurer." Und: "Dann werden die Beiträge steigen."

Würden sie wirklich steigen? Zunächst wohl nicht. Jedenfalls meinen die Experten im Arbeitsministerium, die Kassen könnten die Mehrbelastung verkraften. Und zwar von ihren Überschüssen. Aber Minister Arendt möchte diese Überschüsse anders angelegt wissen. Seinen bisherigen Erfolgen in der Sozialpolitik (Krankenversicherung für alle Angestellten, Wegfall des Versicherungsbeitrags für Rentner, Unfallschutz für Kindergartenkinder, Schüler und Studenten, Anhebung der Kriegsopferrenten) will er ein weiteres Plus hinzufügen: Er will erreichen, daß künftig jeder Versicherte so lange Krankengeld beziehen kann, wie es, für seine Gesundheit erforderlich ist und nicht mehr vorzeitig ausgesteuert werden kann.

Das dürfte, denn doch ein eminent wichtigeres Ziel sein, als all jenen Frauen die Pille auf Krankenschein zu spendieren, die sie sich (für monatlich etwa sechs Mark) selber leisten können. Da würde Menschen geholfen werden, die sich selber kaum noch helfen können. Und die Millionenüberschüsse würden hundertprozentig den Hilfsbedürftigen zugute kommen, während im anderen Fall, bei der Krankenscheinpille, ein beträchtlicher Teil der Kosten als Gewinn den Apothekern und ihren Grossisten zufließen würde. Auch das sollte man bedenken.

Vielleicht wird man einwenden, daß sich die Alternative in Wirklichkeit so nicht stelle, daß vielmehr sowohl für das eine als auch für das andere das erforderliche Geld beschafft werden müsse. Aber das bedeutet mit Sicherheit Beitragserhöhung. Möglicherweise müßte noch sehr viel mehr Geld aufgebracht werden, als man jetzt meint, weil nämlich jene, die die Pille ablehnen, darauf bestehen könnten, sich andere, teurere Verhütungsmittel, auch solche für Männer, verschreiben zu lassen. Und schließlich sollte man auch folgenschwerere Konsequenzen nicht außer acht lassen: Es wäre unsinnig, den schon heute bedenklichen Geburtenrückgang, der unter anderen Problemen auch die Frage aufwirft, wer gegen Ende des Jahrhunderts die Renten der jetzt Vierzigjährigen aufbringen soll, noch zu verstärken.

Sinnvoll, ja notwendig aber wäre es, jenen die Pille kostenlos – nicht auf Krankenschein, sondern als Sozialhilfe – zukommen zu lassen, die sie sich finanziell nicht leisten können, den sozial Schwächsten. Daß man das nicht längst tut, ist eine soziale Ungerechtigkeit.

Gerhard Prause