Carl von Ossietzky (1889–1938) war der dritte Deutsche, dem – im November 1936 – der Friedens-Nobelpreis zugesprochen wurde. Er war aber der erste Preisträger, der die Ehrung als Gefangener erhielt. Als „Ossi“, wie ihn seine Freunde von der „Weltbühne“ nannten, das Telegramm aus Oslo empfing, war er nur eine Nummer: Häftling Nr. 562.

Zuvor war er „schwerkrank“ – zusammengeschlagen – aus dem KZ-Moorlager Papenburg-Esterwege im Emsland in ein Berliner Gefängnislager gebracht worden. Hermann Göring soll ihn für einen monatlichen Judas-Lohn von 500,– Mark zu überreden versucht haben, den Preis auszuschlagen. Doch noch in diesem Augenblick hielt Ossietzky zu seiner Fahne, getreu einem Wort, das er im Februar 1933 sich und seinen Gefährten gegeben hatte: „Wir werden keine Konzessionen machen und überall dort, wo ein Geßler-Hut aufgesteckt wird, in schweigender Verachtung vorübergehen.“

Nach dem Reichstagsbrand war der „Weltbühne“-Herausgeber verhaftet worden. Als ihn später Carl Jacob Burckhardt im Auftrag des „Roten Kreuzes“ im KZ besuchte, war er ein völlig gebrochener Mann: „Ein zitterndes, totenblasses Etwas, ein Wesen, das gefühllos zu sein schien, ein Auge geschwollen, die Zähne anscheinend eingeschlagen, er schleppte ein gebrochenes, schlecht geheiltes Bein.“ Einer der führenden Journalisten der ersten deutschen Republik, der gegen rechte wie linke Radikale gefochten und der sich über das Unwesen in der Justiz wie in der Reichswehr empört hatte – zuschanden gefoltert. Damals sagte er Burckhardt zum Abschied: „Ich wollte den Frieden.“ Als Ossietzky, 49 Jahre alt, starb, schrieb Bertolt Brecht über ihn: „Der sich nicht ergeben hat / ist erschlagen worden / der erschlagen wurde / hat sich nicht ergeben.“

Heute ist Carl von Ossietzky für viele nur noch eine blasse Erinnerung. Noch immer taucht ein Schatten des Zweifels auf, wenn von dem streitbar-umstrittenen Journalisten die Rede ist. War er ein Totengräber der Republik von Weimar oder ein Märtyrer der Demokratie? Der Satz aus der Nobelpreis-Urkunde ist vergessen; „Es ist eine Tat, und er ist ein Mann.“ Verweht ist auch der Nachruf Heinrich Manns; „Ossi, der nicht mehr schreiben und sprechen konnte, ist in seinen Ketten dem hohen Glücksfall begegnet, daß einen Augenblick das Weltgewissen aufstand, und der Name, den es sprach, war seiner.“

Dietrich Strothmann