Von Joachim Nawrocki

Berlin, im Oktober

Wir hatten den Wahlruf gelesen und meinen, die beste Wahlvorbereitung ist ein erfüllter Plan, ist für uns die zuverlässige Energieproduktion", verkündete Georg Mühlbach aus dem Kraftwerk Hagenwerder über Radio DDR. Und im Möbelkombinat Berlin drehte sich die Wahlaussprache mit dem 2. Sekretär der SED-Bezirksleitung, Helmut Müller, um die Verpflichtung, "täglich drei komplette Wohnzimmer zusätzlich für den Bevölkerungsbedarf" zu bauen, um das zügige Beladen von Waggons mit Exportware und um den Ärger mit Omnibusfahrern, die die Kollegen von der Nachtschicht auf der Straße stehen lassen, um selber schnell nach Hause zu kommen.

Das zeigt, welcher Art von Ritual die Wahlen in der DDR sind. Rund 100 000 Wahlhelfer sollen in dieser und in der nächsten Woche die Wahlbenachrichtigungskarten austeilen, und zwar nicht zu hastig. Denn es gilt, dabei "viele vertrauensvolle und interessante Gespräche mit den Bürgern zu führen". Weil es aber nicht darum geht, ob die eine oder andere Partei die Macht erringt, weil verschiedene politische Programme nicht zur Wahl stehen, reden die Wahlredner und Wahlhelfer von Planerfüllung, Rationalisierung, Energieeinsparung, Versorgung und Berufsverkehr – und so nebenbei versuchen sie, die Stimmung der Bevölkerung zu erkunden.

Denn die innenpolitische Situation der DDR ist kompliziert. Als im Sommer der Wahltermin auf den 14. November festgelegt wurde – ein Vierteljahr später, als die DDR-Verfassung vorschreibt –, hatte dies vermutlich zwei Gründe. Zum einen hatte die DDR-Führung anscheinend lange und vergeblich versucht, von der Sowjetunion die Zustimmung zu erhalten, Ost-Berlin in die Volkskammerwahlen einzubeziehen. Nun bleibt alles beim alten. In Berlin wird nur die Stadtverordnetenversammlung gewählt, und in die Volkskammer ziehen neben den 434 Abgeordneten 66 Delegierte, also nicht gewählte "Vertreter" Ost-Berlins ein – analog der Regelung für West-Berliner Abgeordnete des Bundestages.

Ein zweiter Grund für den späten Wahltermin mag gewesen sein, daß über Ulbrichts unfreiwilligen Abgang erst ein wenig Gras wachsen sollte und Honecker Ordnung in die personellen Angelegenheiten bringen wollte.

Inzwischen ist niemand in der DDR mehr überrascht, wenn die Thesen Walter Ulbrichts, die bisher über allen Zweifel erhaben waren, nun immer öfter in Frage gestellt werden. Zuerst wurde diese Entwicklung an den Hochschulen offenbar, als bald nach Ulbrichts Ablösung vom Posten des Ersten ZK-Sekretärs neue Listen mit Pflichtliteratur ausgegeben wurden, in denen Ulbrichts Name nicht mehr vorkam.