ZDF, Mittwoch, 20. Oktober: ZDF-Magazin

Am Abend, als dem Bundeskanzler der Friedens-Nobelpreis zuerkannt worden war (der Betrachter am Bildschirm fühlte sich, was die Christlichen Demokraten betraf, an die Präsidentenwahl anno 69 erinnert: Betretenheit, die sich in mangelnder Motorik ausdrückte – damals versteinerte Gesichter, keine Hand wollte sich rühren, jetzt stumme Verwirrung, können wir sitzenbleiben, wenn alle anderen stehen, und schon standen ein paar, und die anderen stellten sich tot: In einigen Sekunden ist alles vorbei, dann atmen wir weiter) ... am Abend, als ein Mann geehrt wurde, der, wie es hieß, "zur Versöhnung zwischen Völkern, die lange Feinde gewesen waren, seine Hand gereicht habe, sprach, denn es war Mittwoch, Gerhard Löwenthal zur Nation, und im ZDF-Magazin wurde wieder einmal gezeigt, wie das aussieht, wenn einer, statt die eigene Hand zu reichen, die Hand des anderen abhauen möchte. Jeder Beitrag: ein Salut dem Kalten Krieg, jede Bemerkung getragen vom Geist des McCarthyismus, wer mit den Roten paktiert, ist des Teufels jeder Kommentar. inspiriert von dem einen Gedanken: Wie kann ich dieser Koalition Schaden zuwenden und den Nutzen derer mehren, denen, wie mir, die ganze Richtung nicht paßt?

Im Sinne solchen Gegen-Schwurs macht man’s dann so: den Parteiwechsler Schulz auftreten lassen (und der argumentiert denn auch wie ein Löwenthal-Double), dabei auch gleich die Austritte anderer Sozialdemokraten erwähnen und sie unter der Devise ich hab’s gewagt als beispielhaft vorführen – doch keinesfalls die Austritte im eigenen Lager berühren! Die Schweden wegen ihrer "humanistischen Tradition" belobigen: Ein Hoch den Piloten, die in die Tschechoslowakei einflogen, um ein Kind aus der Zwingburg zu holen (womit sie zwar gegen die Landesgesetze verstießen, doch da diese Gesetze kommunistisch sind, taten sie daran nur recht), ein Vivat den Schweden .. nur bitte nicht wegen ihrer Behandlung amerikanischer Kriegsverweigerer aus Vietnam; von solcher humanistischen Tradition sei lieber geschwiegen! Und dann vor allem nicht die Brüder und Schwestern vergessen, sondern aufgezeigt, wie sinnlos doch die Verhandlungen sind. Da reden sie nun, in Bonn und Berlin, an der Grenze aber wird nicht gegrüßt, sondern geschossen, und in der DDR kehrt, nach Wochen des Hoffens, die gewohnte Verzweiflung zurück: Der Mann am Todesstreifen, der von der "SBZ" spricht, weiß es genau, und die Flüchtlinge, die alle wie Gerhard Löwenthal reden – diese zum Bildschirmleben erweckten Leserbriefschreiber aus Springers Gazetten – sie müssen’s doch wissen, die Echos ihres Meisters, der einerseits das Echo des geheimen, besseren und wahren Deutschlands ist.

Und schließlich wurde, gleich zu Beginn, an diesem Abend auch noch eine Allensbach-Befragung über die politische Meinung der Bundesbürger, in der Mitte zwischen Wahl und Wahl, publiziert; Löwenthal interpretierte die Fakten, und da sie für die Koalition nicht eben ungünstig waren (45,3 Prozent wählten in diesem Lande heute SPD, 1969 waren’s nur 42,7 Prozent, 50 Prozent der Befragten sind anno 71 mit dem Ergebnis von 1969 zufrieden, damals nur 38 Prozent), hatte der Moderator – der zwischendurch den Kanzler mit der Miene eines Kondolierenden seines Respekts versicherte (das wird ihn freuen, den Kanzler) – nicht unerhebliche Mühe, die für ihn günstigen Aspekte dieser Befragung zu unterstreichen: Schiller um 17 Punkte gefallen! Gefahr des Neutralismus wiedergekehrt! Wähler tippen dennoch auf den Sieg der CDU! Kontroverse Resultate: zerrissenes Land!

Und dennoch, so deutlich die Akzente auch waren: Rhöndorf, law and Order, es gibt nur Gute und Böse – die Umfrage-Ergebnisse wurden alle gezeigt, und in diesem Punkt unterschied sich das ZDF-Magazin denn doch von der unabhängigen Tageszeitung für Deutschland aus Hamburg: Die nämlich fegte, am Tage darauf, die mißliebigen Resultate kurzerhand unter den Tisch, unterschlug sowohl den positiven Gesamttrend als auch die geäußerte Zufriedenheit mit dem Ergebnis von 69, ließ selbstverständlich auch die Zustimmung zur Deutschland-Politik außer acht, beschränkte sich vielmehr auf die Erwähnung der negativen Aspekte – Mißtrauen gegenüber der Wirtschaftspolitik, Neutralismus, prophezeiter Sieg der CDU –, ließ als Pluspunkt (der freilich für die Welt keiner ist) nur die Nachricht passieren, daß 67 Prozent der Bevölkerung die SPD als eine Partei ansehen, die "unser Verhältnis zu Rußland (!) und den anderen Ostblockstaaten verbessern kann", gab dem Ganzen die Überschrift "Schiller und Wehner haben stark an Ansehen verloren" (in kleinerem Druck stand dann zu lesen, daß auch Strauß an Sympathien beträchtlich eingebüßt hat) und verwandelte derart eine Umfrage, deren wichtigstes Ergebnis lautet: 51,3 Prozent würden am kommenden Sonntag sozialliberal, nur 45,1 Prozent christdemokratisch wählen, in ein Votum mit umgekehrtem Akzent. Und da wird nun behauptet, rechts von Gerhard Löwenthal sei nur noch die Wand! O nein! Rechts von ihm, da kann er tun, was er will, ist zwar keineswegs, wie die Verleihung des Friedens-Nobelpreises zeigt, die ganze, aber immer noch die Springersche Welt.

Momos