Autofahrer mit einem Faible für Exklusivität können seit ein paar Wochen in Deutschland ein ungewöhnliches Auto kaufen. Der Hang zum Außergewöhnlichen muß freilich mit der Neigung zum Understatement gekoppelt sein, sonst könnte der Käufer eine Enttäuschung erleben. Betrachtet man diesen Wagen nur flüchtig, wird man die sparsamen Hinweise auf seine Extravaganz kaum bemerken. Er sieht rundum gediegen aus und scheint dem auf deutschen Straßen seit langen Jahren bekannten Fiat 125 aus Turin zu entsprechen.

Typenspezialisten werden allerdings erkennen, daß die Frontpartie dieser Fiat-Variation nicht in allen Einzelheiten dem italienischen Modell gleicht: Das Fiat-Emblem wurde um einen Namen erweitert, über Fiat (Weiß auf rotem Grund) steht in Schwarz "Polski". An der Seite findet man außerdem ein kleines Schildchen: "Licenzia Fiat." Die Typenbezeichnung lautet 125 p. Bei dem neuen Automobil handelt es sich um ein Double einer älteren Version der italienischen Limousine Fiat 125. Sie kommt aus dem Osten: Die Fließbänder für den Polski-Fiat 125 p stehen wenige Kilometer vor den Toren von Warschau.

Vor sechs Jahren schlossen die Italiener mit den polnischen Autofabrikanten einen Vertrag, nach dem die Fiat-Limousine nachgebaut werden durfte. Das war für die Turiner Firma ein gutes Geschäft: Die Karosserie und die gesamte Ausstattung des polnischen Nachbaus stammt von der Limousine 124/125. Der Motor kam dagegen von einem bereits nicht mehr gebauten Fiat-Modell: Der Polski-Fiat ist mit den 1,3- und 1,5-Liter-Motoren der Vorgänger-Limousinen ausgerüstet.

1968 liefen die ersten Polski-Fiats vom Band. Für polnische Automobilkenner ein durchaus bekannter Name. Schon vor dem Krieg wurden in Polen Fiat-Autos in Lizenz hergestellt. Damals hieß der polnische Italiener Polski-Fiat 508, eine Limousine mit zwei Türen.

Von der Nachkriegsversion wurden im ersten Jahr in der Fabryka Samochodów Osobowych 7000 Stück zusammengebaut. Fünfundsiebzig Prozent der Bauteile kamen damals noch aus Turin. Aber schon 1970 standen die Polen weitgehend auf eigenen Füßen: Die Jahresproduktion stieg auf 30 000 Stück an, der Anteil italienischer Bauelemente betrug nur noch fünf Prozent. Gleichzeitig nahm die Warschauer Fabrik den Export von Einzelteilen nach Italien auf. In Zukunft sollen sogar noch mehr Polski-Fiats gebaut werden. Bis 1975, so plant man in Warschau, sollen jährlich 100 000 bis 110 000 Polski-Fiats vom Band laufen. Der Limousine sollen ein Kombi und ein Sportwagen folgen.

Diese hohen Produktionsziffern sind freilich nicht dafür bestimmt, polnische Autofans in ausreichendem Maße mit ansprechenden Modellen zu versorgen. Schon im vergangenen Jahr begannen die polnischen Außenhändler ihren Nachbau in den Westen zu verkaufen. Über die Hälfte der Produktion landet bereits in zahlreichen europäischen Ländern.

Erschwerend für den Inlandsabsatz ist außerdem, daß der Italiener für die Polen ein teures Vergnügen bedeutet. Er zählt zu den Wagen des "oberen Standards" und muß mit rund siebzig durchschnittlichen Monatsgehältern bezahlt werden. Der Polski-Fiat 125 p kostet ab 160 000 Zloty, umgerechnet sind das rund 22 000 Mark.