Im Jahre 1894 erschien aus der Feder eines Historikers namens Ludwig Quidde ein Aufsatz unter dem Titel "Caligula. Eine Studie über römischen Cäsarenwahnsinn", die frappierende Parallelen zu Wilhelm II. aufwies. Der Autor war schon mehrmals wegen seiner scharfen, spöttischen Angriffe auf Nationalismus, Militarismus und Byzantinismus aufgefallen. Als ihm 1927 zusammen mit dem Franzosen Ferdinand Buisson der Friedensnobelpreis verliehen wurde, war er den meisten Deutschen als "Pazifist" und Autor des "Caligula" bekannt.

Ludwig Quidde wurde am 23. März 1858 in Bremen geboren. Er studierte in Straßburg und Bremen und arbeitete seit 1881 an der Publizierung der Reichstagsakten mit. Von 1890 bis 1896 gab er außerdem die "Deutsche Zeitschrift für Geschichtswissenschaft" heraus. Der Caligula-Skandal und der daraus erwachsende Boykott der Zunft stießen ihn geradewegs in die Politik.

In der Friedensbewegung war er seit 1892 tätig und hatte bis zu seinem Tode am 5. März 1941 den Posten des Vizepräsidenten im Internationalen Friedensbüro in Genf inne. Von 1914 bis 1929 war er zugleich Vorsitzender der Deutschen Friedensgesellschaft.

Das Nobelpreis-Komitee ehrte 1927 den nüchternen, mehr skeptischen als optimistischen Streiter für einen Frieden der Vernunft. Der Patriot Quidde verfocht ein europäisches Nebeneinander auf der Basis des Völkerbundes und eines ausgebauten internationalen Rechtes. "Pazifismus ist die Übertragung des demokratischen Prinzips auf die Außenpolitik", schrieb er 1924. So verlangte er von allen Staaten Rechtsbewußtsein, Toleranz, Verhandlungs- und Kompromißbereitschaft und griff deswegen auch die für sein Empfinden ungerechten Bestimmungen von Versailles an.

Aber Krieg zur Beseitigung dieses "Unrechts"? Quidde leugnete nie die Existenzberechtigung des Nationalstaats, meinte aber, dieser habe Besseres zu tun als Unsummen in die Rüstung zu stecken und dann barbarische Kriege zu führen. Aufgabe des Staates blieb in seinen Augen, im Innern für eine demokratische Rechtsordnung und soziale Gerechtigkeit zu sorgen und nach außen das freie, weil vernünftige Selbstbestimmungsrecht der Völker zu verwirklichen. Er plädierte für Abrüstung, weil Armeen stets dort zum Kriege verlockten, wo dauerhafte Lösungen nur durch Ausgleich erreicht werden konnten.

Für die Nationalsozialisten war das bereits würdeloser Defaitismus. 1933 ging Quidde in die Schweiz. Horst Bieber