Von Jens Friedemann

Im März dieses Jahres stellte ein Hamburger Gericht einem bekannten Baubetreuungsunternehmen praktisch einen "Persilschein" für seine fragwürdigen Geschäftspraktiken aus. Das Gericht folgte der Baufirma und schickte einem ihrer Kunden, der eine Eigentumswohnung von ihr erwerben wollte, eine "Einstweilige Verfügung" ins Haus, die ihm unter Androhung einer Haftstrafe untersagte, Mitkäufer über angeblich bei der Baubetreuungsfirma herrschende Mißstände aufzuklären. Der Unternehmer hatte seinen Antrag unter anderem mit der Feststellung begründet: "Wenn nur ein geringer Bruchteil unserer Kunden – auf Grund solcher Äußerungen – seine Kaufpreiszahlungen zurückhält, entsteht für meine Firma eine erhebliche Liquiditätseinbuße."

Die fieberhafte Nachfrage nach Eigentumswohnungen hat zu einer Flut von Beschwerden und Rechtsstreitigkeiten geführt. Obwohl es weniger darum geht, eine "Bleibe" zu finden, sondern Rentabilitätsfragen und Ansprüche an Lage und Ausstattung der Objekte im Vordergrund stehen, fragt die Mehrheit der Käufer bei Abschluß ihrer Verträge nicht nach Sicherheiten. Kaum jemand kennt die Risiken, die mit dem Erwerb von Grundbesitz verbunden sind. Rohbauten sind bereits durchweg zu 80 Prozent verkauft, und selbst Projekte, die noch auf dem Reißbrett liegen, finden ihre Käufer. Diese ungewöhnliche Marktsituation hat dazu geführt, daß sich auch Personen auf diesem Sektor betätigen, die weder die beruflichen Fähigkeiten besitzen noch unbedingt vertrauenswürdig sind.

Vor ihnen warnt die Verbraucherzentrale Baden Württemberg in Stutgart in einem "Schwarzbuch", das sie in diesen Tagen veröffentlichte. Es enthält einen ganzen Katalog mit Tips und Anregungen, die beim Kauf einer Eigentumswohnung beachtet werden sollten.

Die leichteste Methode, sich in der Baubranche selbständig zu machen, bietet ein Prinzip, das sich schon bei Ferienhäusern im Ausland prächtig bewährt hat. Man gründet eine Bauträgergesellschaft, die den Kunden projektierte Eigentumswohnungen verkauft, und kassiert die Anzahlungen. Die Käufer erhalten als Gegenleistung einen Vorvertrag, der sie an die Kaufentscheidung bindet, dem Verkäufer jedoch keine Verpflichtungen auferlegt. Sicherheiten für die Anzahlungen gibt es nicht. Oftmals verfügt die Gesellschaft weder über Baugenehmigungen noch über einen entsprechenden Grundbesitz. So verkaufte ein Stuttgarter Unternehmen 1969 Eigentumswohnungen in verschiedenen Naturschutzgebieten der Bundesrepublik, die bis heute nicht gebaut wurden.

Firmen, die nach diesem Prinzip arbeiten, können ihren Verpflichtungen nur so lange nachkommen, wie der Verkauf funktioniert. In "flauen" Zeiten marschieren sie bereits am Rande der Pleite. In den vergangenen 3 Jahren sind nach Angaben des Bundesministeriums für Städtebau und Wohnungswesen gegen etwa 40 Baubetreuungsunternehmen Konkursverfahren eröffnet worden. Die betroffenen Bauinteressenten haben beträchtliche Verluste erlitten. Bei einigen Projekten sind Gesamtschäden von mehreren Millionen Mark entstanden.

Mit ähnlichen "Pleiten" rechnet der Verband deutscher Makler für Grundbesitz und Finanzierungen e. V. (VDM) in den kommenden Monaten. Auf seiner Bundesversammlung in Bremen gab er vor einigen Tagen bekannt, daß die überschäumende Kauffreude bei Eigentumswohnungen ihren Höhepunkt überschritten hätte. In kleineren und mittleren Ortschaften sei die Durststrecke beim Verkauf von Objekten zuweilen schon "gefährlich lang". Kaufanwärter von Eigentumswohnungen, deren Projekte in den Strudel von Konkurs und eventueller Versteigerung geraten, verlieren fast ausnahmslos ihre eingezahlten Kaufpreisteile.