Von Wolfram Siebeck

Wie ein Blitz manchmal für Sekundenbruchteile die Nacht erhellt und dem verirrten Wanderer den richtigen Weg weist, so kann eine neue Erkenntnis uns aus der Sackgasse hergebrachten Denkens herausführen. Kürzlich sind bei uns gleich zwei Geistesblitze vom Himmel gefahren.

Einen verdanken wir den Zahnärzten. Als nämlich der DGB verlangte, für die kostspielige Regulierung schiefer Kinderzähne sollten die Zahnärzte künftig von den Krankenkassen honoriert werden, entdeckten die Kieferspezialisten, daß schiefe Zähne keine Krankheit sind (und lehnten den Vorschlag des DGB ab). Blitzartig – so muß man wohl sagen – fallen einem jetzt andere Krankheiten ein, deren Behandlung bisher die Krankenkassen übernommen haben, obwohl sie keine Krankheiten sind. Kurzsichtige, zum Beispiel, von den Kassen verschwenderisch mit Brillengläsern ausgestattet, husten nicht und spucken kein Blut. Wer offenen Auges durchs Leben geht und imstande ist, das Kleingedruckte auf den Kaufverträgen von Ferienbungalows zu lesen (wozu, wie unlängst der Spiegel berichtete, Zahnärzte besonders befähigt sind), wird erkennen, daß hier von Kranksein nicht die Rede sein kann.

Oder: Solange man denken kann, kriegen Frauen Kinder, und nie ist jemand auf die Idee gekommen, das eine Krankheit zu nennen. Dennoch bezahlen Krankenkassen den Arbeiter- und Angestelltengattinnen die Extravaganz, Kinder mit schiefen Zähnen in die Welt zu setzen. Wenn die Zahnärzte behaupten, eine kostenlose Kieferregulierung würde ihre Praxen blockieren, so sieht man am Beispiel der überfüllten Frauenkliniken, wie recht sie haben. Wöchnerinnen blockieren nicht nur den Kreißsaal; die Taxis, mit denen sie zur Klinik fahren, blockieren auch die Kreuzungen, wenn der Taxifahrer die Kassenpatientin unterwegs entbinden muß. Wäre aber das Kinderkriegen nicht umsonst, dann blieben sie schön zu Hause – was nicht nur dem Straßenverkehr zugute käme, sondern auch der Volkswirtschaft, so daß sich endlich sogar die Gynäkologen Ferienbungalows auf Teneriffa kaufen könnten.

Die zweite Erkenntnis stammt von Franz Josef Strauß. Auf dem Parteitag seiner Partei stellte der alternde Vorsitzende den Lehrsatz auf: "Die CSU ist eine Reformpartei und die SPD eine reaktionäre Partei." Dieses denkerische Ergebnis langjährigen Forschens wird Folgen haben. Denn der Straußsche Lehrsatz ist der archimedische Punkt, von dem aus man die Tür des Hofbräuhauses aus den Angeln heben kann. Er führt logisch zu der Konsequenz, daß die Erde stillsteht und die Sonne sich um die Erde dreht. Schon beim nächsten Parteitag wird der Vorsitzende ergänzend berichten, daß er beim Verlassen eben jener Tür sogar zwei Sonnen sich um die Erde drehen sah. Das wird die SPD dann wohl für immer erledigen.

Fuß-Fälle

Er stand bereits mit einem Fuß im Grab. Aber was will das bei Tausendfüßlern schon besagen?