Von Ursula Schülke

Hören Sie mal", monierte die Dame aus Hannover, "wenn Sie weiter so in Ihrer S-pradie s-prechen, kann ich Sie gar nicht vers-tehen!" Darauf lächelte der Mann, der mitten auf der Kreuzung stand, die er an die Schiefertafel gemalt hatte, um magnetischen Miniaturautos "Vorfahrt gewähren" zu lassen, und sagte, das habe man schon öfter beanstandet. Daß daran dennoch nichts zu ändern sei, deutete er durch liebenswürdig-verlegenes Heben der Schultern an, und als wir bei der Brücke angekommen waren, vor der ein Schild stand, das die Erörterung des "zulässigen Gesamtgewichts" notwendig machte, sahen wir ein, daß wir uns damit abfinden mußten: ",..wenn Se jetze hinne druff zwei Kischte habe, dürfe Se da net drüeberfahre..." Die Dame aus Hannover seufzte tief.

Mir gefiel die Verwandlung preußisch-nüchterner "Leitpfosten" in badisch-mollige "Leitpfoschte" – ganz abgesehen davon, daß ich schließlich freiwillig den südlichen Schwarzwald gewählt hatte, um zu tun, was manche für gut und viele für problematisch halten: per Ferienfahrschul-Kursus den Führerschein zu erwerben. Skeptiker zweifeln heftig an der Verkehrstüchtigkeit, die man sich "auf dem Lande" aneignet. Andere, durch den Umgang mit Führerscheinbewerbern Erfahrene meinen, daß dem angestrebten Ziel nichts abträglicher sei, als vom beruflichen Alltag abgehetzte Fahrschüler, und nichts so sehr zu empfehlen, als den Kursus während des Urlaubs zu absolvieren, in einer Zeit also, in der man keine anderen Sorgen hat als eben die, das Autofahren zu erlernen.

Ich habe es mit einem Drei-Wochen-Kursus probiert (zur Wahl standen zwei, drei oder vier Wochen) und gebe zu: recht haben auf alle Fälle die Leute, die der Meinung sind, daß die Erholung bei der in eine bestimmte Frist gezwängten Lehrzeit auf der Strecke bleiben würde. Selbstverständlich fühlt man sich nach bestandener Prüfung so frisch (weil so erleichtert) wie nie zuvor, und selbstverständlich lassen einem die täglichen Fahrstunden und das theoretische Soll Zeit genug, all das zu tun, womit man seinen Urlaub im allgemeinen ausfüllt. Aber ob man schwimmt, wandert, reitet oder Tennis spielt: das Auto ist immer gegenwärtig.

Es ist mir nicht geglückt, einen asphaltierten schmalen Weg (Durchfahrt verboten – ausgenommen Fahrzeuge der Land- und Forstwirtschaft!) entlangzuwandern, ohne zu denken: wohin würde ich ausweichen, wenn mir hier einer entgegenkäme. Ich habe nicht verhindern können, nach einer falsch verstandenen "abgeknickten Vorfahrt" noch Stunden später "geknickt" zu sein. Ich habe mir beim Essen zwischen Vorspeise und Hauptgericht nicht verkneifen können, mit Hilfe von Salzstreuer, Senftöpfchen und Streichholzschachtel Kreuzungsmiseren zu rekonstruieren, um mir einzuhämmern, wie man es richtig macht. Ich habe es nicht geschafft, vor dem Einschlafen alle jene Situationen zu vergessen, die entstanden wären, wenn der Fahrlehrer während der morgendlichen Übungsstunde nicht im letzten Moment auf seine Bremse getreten hätte. Und so ging es auch den anderen. Einer meiner Mitschüler konstatierte nach den ersten vierzehn Tagen den Verlust von "mindestens vier Kilo", ein anderer gab es nach acht Tagen ganz auf; ihm sei ein unbeschwerter Urlaub wichtiger als der Führerschein, sagte er. Eine Konsequenz, die ihr Gutes haben kann, wenn man bedenkt, daß eine eventuell nicht bestandene Prüfung das Ferienopfer vollkommen macht.

Andererseits: welch ein Vergnügen, unter blauem Himmel oder von hohen Tannen beschattet – den "Kraftfahrer von heute" auf den Knien – auf einer Bank zu sitzen, um fern vom Lärm jeglichen Straßenverkehrs, fern von Beruf und Herd und Häuslichkeit zu lernen, daß der lichte Abstand zwischen einem schleppenden und einem abzuschleppenden Auto höchstens fünf Meter jetragen darf. Ein Vergnügen, das sich zu amüsantem Spiel steigert, wenn reisebegleitende, den Führerschein seit langem besitzende Ehepartner entdecken, was sie alles – nicht – wissen.