Das Bundesarbeitsministerium wollte mit der Vorlage des "Rentenpaketes" der Regierung am liebsten noch warten: Die im Frühjahr 1972 mit dem nächsten Rentenanpassungsgesetz fällige 15-Jahres-Prognose über die Finanzentwicklung der Rentenversicherung wird die vorausberechneten Überschüsse bis 1986 um voraussichtlich mindestens 20 weitere Milliarden Mark anschwellen lassen. Weil aber die CDU/CSU-Opposition ihre Gesetzentwürfe jetzt vollzählig im Bundestag eingebracht hat, beschloß das Kabinett doch schnell noch Arendts Reformprogramm. Nun stehen sich folgende Vorschläge gegenüber:

  • Arendt will die flexible Altersgrenze einführen. Ab 1973 soll jeder, der 35 anrechnungsfähige Versicherungsjahre nachweist, schon vom vollendeten 63. Lebensjahr an auf Wunsch Altersrente beziehen können. Es soll keine vollen’ versicherungsmathematischen Abschläge geben: Wegen der geringeren Anzahl der Beitragsjahre würde aber die Rente ab 63 (bei 40 Versicherungsjahren) um etwa fünf Prozent niedriger sein als die mit 65 Jahren (zum Beispiel 570 statt 600 Mark). Die Rentner dürfen daneben begrenzt weiterarbeiten: Ein Verdienst bis zu einem Viertel der jährlichen Beitragsbemessungsgrenze ist erlaubt. 1973 sind das 575 Mark im Monat. Der Arendt-Vorschlag ist 1973 interessant für 320 000 Personen, und die Zahl wächst bis 1985 auf etwa 1,7 Millionen.
  • Hans Katzer (CDU), Arendts Amtsvorgänger, hält zwar die flexible Altersgrenze auch für wichtig, will aber jetzt erst einmal alle Reiten prozentual erhöhen: Die am 1. Januar 1973 fällige Rentenerhöhung um 9,5 Prozent soll schon am 1. Juli 1972 einsetzen, und alle folgenden dann ebenfalls immer am 1. Juli, so daß ein halbes Jahr "gewonnen" wird. Das kostet bis 1985 etwa 65 Milliarden Mark gegenüber Arendts 66 Milliarden für die Altersgrenze.
  • Sowohl Arendt als auch Katzer plädieren für eine Anhebung der Kleinrenten. Die Entwürfe unterscheiden sich im Ausmaß. Kosten: 13 Milliarden Mark bei Arendt, 56 Milliarden bei Katzer. In beiden Fällen soll bei der Rentenberechnung als "persönliche Bemessungsgrundlage" ein Mindestverdienst unterstellt werden, und zwar bei Arendt 70 Prozent und bei Katzer 85 Prozent des Durchschnittseinkommens aller Arbeitnehmer. Voraussetzung: bei Arendt 35 Versicherungsjahre, bei Katzer nur 25. Arendt will die Verbesserung nur für Personen, die trotz eines "erfüllten" Arbeitslebens eine unverhältnismäßig niedrige Rente haben, weil sie schlecht verdienten. Bei Katzers 25 Versicherungsjahren werden auch Personen begünstigt, die nur teilweise versicherungspflichtig arbeiteten.
  • Arendt will den Frauen, die von 1973 an Rente beziehen, ein zusätzliches Versicherungsjahr ("Baby-Jahr") anrechnen für jedes lebend geborene Kind. Katzer hat kein Äquivalent in seinem Programm, kann allerdings auf seine günstigere Kleinrenten-Regelung verweisen.
  • Arendts Vorschlag zum "Rentensplitting" findet bei Katzer auch keine Alternative: Durch 50:50-Aufteilung der während der Ehezeit erworbenen Rentenansprüche auf beide Partner soll – entsprechend dem neuen Familienrecht – bei Ehescheidung ein Versorgungsausgleich erfolgen, meist zugunsten der Frau. Der Partner, dem dabei Versicherungsjahre abgezogen werden, kann durch Nachentrichtung von Beiträgen in einer bestimmten Frist die Versorgungslücke auffüllen.
  • Arendt und Katzer schlagen vor, die Rentenversicherung für selbständige und freie Berufe zu öffnen; Arendt darüber hinaus auch für nicht-erwerbstätige Hausfrauen und mithelfende Familienangehörige. Beide Entwürfe unterscheiden sich im System: Nach Katzer können die Selbständigen zwar freiwillig beitreten, müssen dann aber – ähnlich wie Pflichtversicherte – einkommensgerechte Beiträge zahlen. Dafür erhalten sie alle Rechte der Pflichtversicherten und zahlreiche Erleichterungen. Arendt tritt für eine freiwillige Versicherung der Selbständigen ein, die auch ihre Beitragshöhe selbst bestimmen können. Allerdings sind einige Leistungen abhängig von einer bestimmten Beitragszahlung. Nach beiden Entwürfen können Beiträge bis 1956 zurück nachentrichtet werden, womit es auch noch älteren Selbständigen ermöglicht wird, eine Altersrente zu erwerben.

Arendts Gesamtprogramm kostet bis 1985 rund 93 Milliarden Mark, das von Katzer – nach Berechnung des Arbeitsministeriums – 130 Milliarden Mark und damit mehr, als überhaupt ausgegeben werden darf: 105 Milliarden. In