Gustav Stresemann, der erste deutsche Staatsmann, der den Friedensnobelpreis erhielt, wurde ebenso wie Willy Brandt noch während der Amtszeit ausgezeichnet und noch ehe die Früchte seiner "Erfüllungs- und Verzichtpolitik" reifen konnten. Beide wurden wegen ihrer Friedenspolitik von den Rechten geschmäht und verleumdet.

Walter Ulbricht zog vor Jahren eine andere Parallele: Brandts Ostpolitik sei eine Wiederholung der Ostpolitik Stresemanns, der – im Gegensatz zu seiner Westpolitik – gleichfalls die Grenzen zu Polen und der ČSR nicht habe anerkennen wollen, um sich die Hände für eine spätere gewaltsame Revision frei zu halten.

Seit Brandts Besuchen in Erfurt, Moskau, Warschau und Oreanda ist dieser Vorwurf verstummt; Brandt hat in der Ostpolitik den Schritt getan, den Stresemann, auch wenn er gewollt hätte, nie hätte wagen dürfen. Keine der deutschen Parteien in der Weimarer Republik – von den Nazis bis zu den Kommunisten – war bereit, die Grenzziehung im Osten freiwillig anzuerkennen. Danzig, der Korridor und Ost-Oberschlesien sollten "heim ins Reich"; die Rechte der Sudetendeutschen in der Tschechoslowakei galt es zu schützen; und wenn die internationale Lage es zuließ, sollte Österreich "angeschlossen" werden. Ein britischer Historiker hat denn auch die These aufgestellt, Hitler habe die Außenpolitik Stresemanns fortgesetzt. In der Tat wat Stresemann ein Revisionist, Hitler indes ein Welteroberer im revisionistischen Schafspelz.

Stresemann wollte Deutschland als Großmacht wieder auferstehen sehen, aber in der praktischen Politik war er kein Träumer, sondern ließ sich vom Realitätssinn des erfahrenen Geschäftsmannes leiten. Nach Locarno – wo Deutschland für Gewaltverzicht und Respektierung der Westgrenzen Sicherheit vor französischen Invasionen und die Freundschaft der westlichen Völker einhandelte – erklärte er vor seinen liberalen Parteifreunden: "Wir haben verzichtet auf das, was wir nicht besitzen, nämlich auf eine Macht, die Krieg führen kann."

Stresemann mußte sich den Nobelpreis mit Aristide Briand, dem französischen Außenminister, teilen, der mit ihm das Vertragswerk von Locarno gezimmert hatte. Jahre zuvor hatten sie noch Kriegszielprogramme entworfen, nun reichten sie sich die Hand zur Versöhnung und wurden Freunde, beide erfüllt von der "nüchterner. Aufgabe, die Völker einander näherzubringen".

Karl-Heinz Janßen