Frankfurt

Ministerpräsident Albert Osswald kommt bis heute nicht auf den Gedanken, daß es vielleicht auch mit an ihm liegen könnte, wenn die SPD-Sterne im Bundesland "Hessen vorn" nicht mehr so strahlend leuchten wie in vergangenen Zeiten. Eher neigt er zu der Analyse, es habe sich alles gegen ihn verschworen, um ihm das Leben schwerzumachen.

An dem Vertrauensschwund, den der Regierungschef immer deutlicher zu spüren bekommt, müssen seiner Meinung nach andere schuld sein. Etwa sein erster Regierungssprecher Günther Zander, den er sich beim Amtsantritt 1969 aus der Pressestelle des Wirtschaftsministerium in die Staatskanzlei holte.

An ihm muß es wohl gelegen haben, wenn die Regierungspolitik draußen im Lande nicht so richtig ankam, denn im Sommer dieses Jahres trennte er sich von ihm. Der Chef-Verkäufer der Osswald-Politik handelte sich zwar in kurzer Frist eine Ministerialratsstelle ein, aber in der gleichen Zeit auch einen halben Herzinfarkt und ein Magenleiden. Von einer langen und gründlichen Kur zurück, wird er jetzt wohl in das Wirtschaftsministerium heimkehren, um sich dort Fragen des Fremdenverkehrs zu widmen.

Nun gehört es zur vollen Wahrheit, daß sich der Journalist Zander im Dienste des Ministerpräsidenten nicht zu einer Verkaufskanone entwickelte, wie das sein Chef wohl von ihm erwartet hatte. Aber dieser Erwartung lag auch eine Fehleinschätzung zugrunde, wie sie für Albert Osswald charakteristisch ist. Wäre das nicht so, brauchte man über den "Fall Zander" kein Wort zu verlieren. Bevor Günther Zander in den Dienst der Hessenregierung eintrat, war er Wiesbadener Landeskorrespondent der Frankfurter Rundschau. Doch das allein hätte ihn keineswegs dazu prädestiniert, von Albert Osswald nach seinem Aufstieg in das Ministerpräsidentenamt als Chef der Pressestelle in die Staatskanzlei berufen zu werden. Auch die langjährige Freundschaft der Angelsportler Zander und Osswald gab nicht den Ausschlag. Entscheidend war vielmehr, daß Zander lange Jahre erfolgreich der hessischen Landespressekonferenz präsidierte; Ausdruck des Vertrauens, das ihm seine Wiesbadener Kollegen entgegenbrachten. Vor allem aber war es kein Geheimnis, weil schwarz auf weiß in den Zeitungen des Landes nachzulesen, daß Zander auf Grund eines nicht unerheblichen Informationsvorsprunges in der Kollegenschaft meinungsbildend wirkte.

"Wenn ich mir diesen Mann einkaufe, habe ich die Landespressekonferenz mit im Sack." Das ist kein wörtliches Osswald-Zitat, es ist der Osswald-Mentalität nachempfunden. Kenner der politischen Intimsphäre in Wiesbaden formulieren es so und noch deutlicher: "Der Osswald hat gedacht, wenn er den Günther Zander zum Pressesprecher macht, dann wird die Landespressekonferenz zum Regierungsbefehlsempfang." Deshalb sei es dem Ministerpräsidenten völlig unverständlich gewesen, daß trotz des Zander-Einsatzes die Journalisten in der Landeshauptstadt die Regierungspolitik kritisch unter die Lupe nahmen.

Und bei näherer Betrachtung kamen die Korrespondenten fast einhellig zu der Überzeugung, daß der Zinn-Nachfolger Albert Osswald zuviel vom Jahre 1985 und zuwenig von dem sprach, was heute zu geschehen habe. Wie die Hessen-Welt in 15 Jahren aussehen werde, das bekamen sie täglich zu hören. Deshalb fragten sie zunehmend ungeduldiger: "Wann zeigt er nun endlich etwas?" Aber aus der Sicht von Albert Osswald mußte wohl einzig und allein sein Pressechef Zander schuld daran sein, wenn die Wiesbadener Journalisten an den ständigen Reisen in die Zukunft keinen Gefallen mehr fanden.