Von Karsten D. Voigt

Schweden ist nach wie vor, trotz jahrzehntelanger sozialdemokratischer Regierung, ein kapitalistisches Land. Darum können die bestehenden schwedischen gesellschaftlichen Verhältnisse auch nicht als "schwedisches Modell" die Zielvorstellung von Sozialisten in der Bundesrepublik widerspiegeln. Trotz "Wohlfahrtsstaat" und "Mischökonomie" ist auch in Schweden der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit nicht aufgehoben worden. In den Streiks im Winter. 1969/70, die dann auch auf Dänemark übergriffen, brach dieser Gegensatz offen aus und schärfte das Bewußtsein für die nach wie vor bestehenden Klassenstrukturen.

Als Gegenpol zur sozialdemokratischen Schwedeneuphorie auf Parteitagen und in Wahlkämpfen besonders der sechziger Jahre ist es deshalb nur zu verständlich, wenn diesem Vorbild nun der antithetische Begriff vom "Schwedischen Modell der Ausbeutung" entgegengestellt wird:

"Das schwedische Modell der Ausbeutung. Texte zum Arbeiterleben und zur Klassenstruktur im Wohlfahrtsstaat"; hrsg. von Victor Pfaff und Mona Wikhäll; mit einem Vorwort von Günter Wallraff; pocket 22; Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 1971; 205 S., broschiert 14,– DM.

Aus Analysen, Reportagen und Selbstdarstellungen in diesem Sammelband, in dem die Arbeiter und Arbeiterinnen selber zu Worte kommen, ziehen die Herausgeber als politische Konsequenz, daß nicht das "schwedische Modell" der Verschleierung von Klassengegensätzen Vorbild für Westdeutschland sein könne, "sondern, der neu entstehende Klassenkampf der schwedischen Arbeiter, ihr Kampf um Demokratie".

Auch wenn man dieser Kritik der schwedischen Verhältnisse zustimmt, kann man nicht vergessen, daß in Schweden zumindest die bürgerlichen demokratischen Freiheitsrechte gesichert zu sein scheinen, während bei uns in der Bundesrepublik nach wie vor relevante gesellschaftliche Kräfte mit der diktatorischen Variante des Kapitalismus nach Vorbild von Spanien, Griechenland oder Portugal liebäugeln. In Schweden bereits selbstverständliche bürgerliche Freiheitsrechte sind bei uns noch umstritten. Aus diesem Grunde müssen Sozialisten in der Bundesrepublik gleichzeitig eine grundsätzliche Demokratisierung unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung vorantreiben und den Angriff großer Teile der CDU/CSU und der sie tragenden Machtgruppen auf den bereits erreichten Zustand gesellschaftlicher Demokratie abwehren.

Während die Konservativen bei uns noch gegen Gleichmacherei und Sittenverderbnis in Schweden wettern, sucht die schwedische Sozialdemokratie nach neuen Wegen, um über den bereits erreichten Zustand gesellschaftlicher Demokratie hinaus zu einer Gesellschaft der Gleichen zu gelangen. Der "Gleichheits-Report", den auf Beschluß des Parteitages von 1968 eine Studiengruppe unter Vorsitz von Alva Myrdal vorgelegt hat, würde in der Bundesrepublik auch unter Sozialdemokraten schon wegen seines Titels auf Widerspruch stoßen. Die uneingeschränkt positive Forderung nach Gleichheit schreckt bei uns vielfach ab. Aus diesem Grunde wohl hat der deutsche Herausgeber des Alva-Myrdal-Reports den Titel negativ formuliert: