Paris, im Oktober

Als Georges Pompidou seinen Staatsgast Breschnjew im Glanz des Trianon-Palastes empfing, sprach er von der "glücklichen Fortdauer" französisch-russischer Beziehungen über die Jahrhunderte hinweg. Er erwähnte nicht, daß in den gleichen Räumen 1919 ohne russische Mitwirkung ein Teil der europäischen Landkarte neu gezeichnet worden war. Dagegen rühmte er den Anteil der französisch-sowjetischen Zusammenarbeit an den diplomatischen Entwicklungen der letzten Zeit – "die Anerkennung der durch den letzten Krieg in Mitteleuropa entstandenen Grenzen und die Hoffnung auf Herstellung normaler Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR mit allen internationalen Folgen, die es haben wird".

Breschnjew ließ in diesem Augenblick durchblicken, wie sehr sich in fünf Jahren die Prioritäten der Europapolitik geändert haben – und auch die französische Europakonzeption. Im Kreml hatte er 1966 zum erstenmal einem französischen Staatspräsidenten gegenüber gesessen, hatte seine Vorstellungen von der europäischen Entwicklung vorgetragen, den "Revanchismus" der Bundesrepublik beklagt und de Gaulle aufgefordert, die DDR anzuerkennen. Der General, der ihm bis dahin, umgeben von seinen Mitarbeitern, ruhig zugehört hatte, unterbrach ihn damals sofort und sagte nach zuverlässigen Berichten: "Ostdeutschland ist ein künstliches Gebilde, das von Ihnen geschaffen wurde und mit dem wir nichts zu tun haben. Täuschen Sie sich nicht: Wir werden es nicht anerkennen. Denn wenn wir es täten, so würden wir nicht nur dem Versprechen untreu werden, das wir der Bundesrepublik gegeben haben, sondern auch unserer eigenen Politik, die nicht auf die Erhaltung des Status quo in Europa ausgerichtet ist, sondern auf seine Überwindung,"

Von Pompidou hörte Breschnjew nun, daß die Anerkennung der DDR nur noch eine Frage der Zeit sei. Er verstand auch, daß nach einer – wahrscheinlich unausgesprochenen – französischen Vorstellung Paris und Moskau ein gemeinsames Interesse daran haben sollten, die Entwicklung der deutschen Potenz diesseits und jenseits der Elbe unter Kontrolle zu halten.

Nun wäre es lächerlich anzunehmen, General de Gaulle habe eine aktive Wiedervereinigungspolitik betrieben, die sich von der Pompidous durch die Unterschätzung des gesamtdeutschen Potentials unterschied. Die Grundauffassungen sind unverändert. De Gaulle hätte in deutschen Fragen heute nicht anders geurteilt als Pompidou. Was sich geändert hat, ist "die Anerkennung der Realitäten in Europa" – und an diesem Vorgang ist nicht nur Frankreich beteiligt.

Auch de Gaulle hatte ja längst seinen Waffenstillstand – keinen Frieden – mit der Breschnjew-Doktrin geschlossen, gegen die seine Europapolitik eigentlich zielte. Was der General mit dem berühmten Stufenplan "Entspannung, Einvernehmen und Zusammenarbeit" (détente, entente, Cooperation) erreichen wollte, war schließlich nichts weniger als das Recht aller Ostblockstaaten, ihre nationalen Interessen vor die gemeinsame kommunistische Ideologie zu stellen. In diesem Zusammenhang und sozusagen als Schlußstein akzeptierte er auch das nationale Selbstbestimmungsrecht der Deutschen, und darum verlangte er, daß es grundsätzlich von Moskau anerkannt werde. Aber diese Forderung war nichts anderes als eine Funktion seiner Anti-Blockpolitik. Sie wurde zu einem Hauptargument nur in dem Bemühen, Bonn für diese Anti-Blockpolitik zu gewinnen, und das hieß: für seine Vorstöße gegen die Weltpolitik der Amerikaner.

Zwei Veränderungen konnte der General nur schwer voraussehen: einmal seinen eigenen Abgang und die stärkere Anlehnung an Amerika, die sein Nachfolger Pompidou suchte; dann der Regierungswechsel in Bonn und Brandts neue Ostpolitik. Während de Gaulle noch von der selbstverständlichen Voraussetzung ausging, daß ihm die erste Rolle im europäischen West-Ost-Gespräch zufalle und daß sich die Bundesregierung für seine Vermittlerdienste erkenntlich zeigen müsse, wird Pompidou heute von der Sorge geplagt, Bonn könnte die Führung in der europäischen Ostpolitik übernehmen.