Lange haben sie bloß in die Röhre geschaut, die Münchner. Von oben in die abgrundtiefen Ausschachtungen und durch Löcher in den Bauzäunen hinunter in die Baugruben. Jetzt rasen sie selbst durch die Röhren, in den eleganten neuen U-Bahn-Zügen, zwölf Kilometer weit in genau 17 Minuten. Vor ein paar Tagen hat in der bayerischen Landeshauptstadt mit Blasmusik und Festschmaus das U-Bahn-Zeitalter begonnen.

"Bis die unter der Erd’n san, bin i’s aa" hat mancher alte Münchner gegrantelt, als die Stadtväter vor sechs Jahren den Bau eines modernen Massen Verkehrsmittels beschlossen hatten. Es ist aber dann doch viel schneller gegangen, als auch die größten Optimisten geglaubt hatten. Weil die inzwischen sattsam bekannte und viel zitierte "Schubkraft der Olympischen Spiele" auch die U-Bahn-Bauer zu bemerkenswerten Leistungen angespornt hat;

Diese 17 Minuten unter dem nach wie vor reichlich chaotischen Straßenverkehr hindurch – die haben es schon in sich, und die Münchner samt "Zuagroasten" kosten sie weidlich aus. Vom Druck der Fliehkraft sanft in die Sitze gepreßt, lassen sie die 13 Bahnhöfe an sich vorübergleiten, die in bunten Farben gekachelt sind und ausschauen wie fürstliche Badezimmer. Aber nicht einmal beim persischen Monarchen-Camping in Persepolis sind die hohen Herrschaften mit Rolltreppen in ihre Prunkgemächer gefahren worden – so wie sich’s jetzt die alten Mutterl und die Rentner mit den Hackistecken und die Kinder mit den Schulranzen leisten können. Für vorläufig dasselbe Geld wie mit den oberirdischen Verdruß-Linien.

"Viel sieht ma ja dabei net von der Stadt", raunzt einer, der immer wieder die dicke Uhr aus dem Westentaschl zieht und die angekündigten Fahrzeiten vergleicht. Der Wackere hat bisher noch gar nicht gewußt, daß es in seiner Heimatstadt, weit draußen, einen "Kiefergarten" gibt (so heißt die nördliche Endstation). Er hat ihn inzwischen schön dreimal hintereinander gesehen, denn da draußen fährt die U-Bahn offen zwischen neuen Häuserblocks, Heimgärten und Wohnsiedlungen hindurch.

Selten hat es eine Premiere in München gegeben, an der die ganze Bevölkerung so lebhaften Anteil genommen hat, auch wenn zu den eigentlichen Feierlichkeiten nur 1600 "Großkopfete" eingeladen waren. Aber daß diese weiß-blaue Geisterbahn nun wirklich fährt, das hat sie alle aufatmen lassen.

Kurt Preis, Lokalchef des "Münchner Merkur"