Von Gerhard Prause

Sie sieht gut aus, sehr gut sogar, ist die Tochter des Siebten Earl of Longford, ist neununddreißig Jahre alt, verheiratet mit dem Right Honourable Hugh Fraser, ist Mutter von sechs Kindern und erzählte einem Reporter: "Alle lachten, als ich sagte, daß ich ein Buch über Maria Stuart schreiben wollte." Heute ist sie es, die lacht, und auch ihre Verleger haben gut lachen der englische, weil er von der Sechshundert-Seiten-Biographie 250 000 Exemplare absetzen konnte, und der amerikanische, weil er sogar eine ganze Million verkauft hat. Und wenigstens mitlachen will nun auch der deutsche; nachdem er das Original um fast ein Viertel kürzen ließ, wirbt er mit dem Slogan "Die spektakuläre historische Biographie" für

Antonia Fraser: "Maria, Königin der Schotten", aus dem Englischen von Ulla de Herrera; Claassen Verlag, Hamburg/Düsseldorf; 464 S., Abb., Literaturverzeichnis, Register, 28,– DM.

Ganz gewiß haben nicht allein die Publicityfreundlichen-Züge der Autorin zu dem Erfolg beigetragen. Wichtiger war, daß Lady Antonia vom Fach ist (in Oxford hat sie Geschichte studiert und darin promoviert), und entsprechend kritisch begann sie ihren Versuch, "Wahrheit oder Unwahrheit der zahlreichen Legenden zu ergründen, die um Maria Stuart gesponnen worden sind". Dieses erklärte Ziel, angestrebt mit beachtlichem Quellen- und Literaturstudium, verschob sich jedoch im Laufe der Arbeit; indem die Lady sich in ihre Königin verliebte, wurde es mehr und mehr ein Versuch, Maria Stuart von negativen Zügen, und Vorwürfen reinzuwaschen. Viel Scharfsinn wurde so darauf verwandt, den Leser davon zu überzeugen:

  • daß Marias berüchtigte Kassettenbriefe, mit der man ihre Teilnahme an der Ermordung Darnleys, ihres zweiten Mannes, beweisen wollte, eine Fälschung gewesen sein müssen (wofür wirklich sehr vieles spricht);
  • daß Maria mit Bothwell, dem Mörder Darnleys, den sie nach dem Mord heiratete, nicht schon zu Lebzeiten Darnleys ein Verhältnis gehabt habe, sondern daß Bothwell die Königin physisch vergewaltigt habe, wonach sie "wie in

einer Trance ihrer offiziellen Vereinigung mit ihm entgegenging" (was nicht gerade wahrscheinlich ist);

  • daß Maria auch mit ihrem Sekretär Riccio, den Darnley in Marias Räumen vor ihren Augen erschlagen ließ, kein Liebesverhältnis hatte; während von anderer Seite, und zwar nicht ganz unbegründet, behauptet wird, Riccio sei der Vater ihres Sohnes Jacob, meint Antonia Fraser: "Nein, das einzige, was man Maria im Falle Riccio... vorwerfen kann, ist eine gewisse Unbekümmertheit, die ein wesentlicher Bestandteil ihres Charakters war."