Der neunjährige Jens konnte es kaum fassen: Im Apfelbaum hinterm Haus hing ein Flugzeug! Ein Modellflugzeug neuester Konstruktion, mit vier Propellern und weiten Schwingen. Es mußte sich über Nacht in den Zweigen verfangen haben. Mit aller Vorsicht – versteht sich – holte er es herunter, untersuchte es fachmännisch und machte eine weitere Entdeckung, die ihn gänzlich aus dem Häuschen brachte. Der Rumpf des Flugzeugs war vollgestopft mit allerlei Zuckerzeug und Krimskrams.

Sein Vater indes, seines Zeichens Tierarzt in einem jütländischen Dorf, wurde skeptisch. Das vermeintliche Zuckerzeug schien ihm ungeeignet für Kinder, und eine genauere Prüfung bestätigte diesen Verdacht. Die Fracht des Traummodells bestand aus Narkotika, Hasch, LSD und Morphin, rund zwei Kilo alles in allem, mehr als genug, um das ganze Dorf für eine Woche ins Zauberland der Träume zu schicken.

So kam die dänische Polizei dem jüngsten Trick der Narkotikabranche auf die Spur. Trotz verschärfter Grenzkontrollen war der jütländische Drogenmarkt in den vergangenen Monaten stets wohlsortiert gewesen und hatte sogar mit preisgünstigen Sonderangeboten aufwarten können. Und niemand, das heißt, so gut wie niemand, konnte sich erklären, woher die Ware kam. Buchstäblich vom Himmel also, von Leuten mit viel Sinn fürs Spielerische nach Dänemark eingeflogen. Was Wunder – wir befinden uns in der Nähe von Legoland. Die Dänen spielen gern, und wenn sie etwas erfinden, ist es fast immer ein Ding mit Pfiff.

Im Frühling dieses Jahres überraschte ein dänischer Ingenieur und leidenschaftlicher Bastler die Öffentlichkeit mit einem völlig neu entwickelten Elektromotor, der – von einer Minibatterie betrieben – praktisch lautlos arbeitet. Die Probeflüge seines ferngesteuerten, viermotorigen Modellflugzeugs waren eine kleine Sensation, die Neukonstruktion wurde zum Verkaufsschlager. Wer hätte sich träumen lassen, daß auch der Narkotikaschmuggel davon profitieren würde!

Nach Meinung der dänischen Polizei kommen die Händler, mit frischer Ware versehen, per Auto aus Hamburg. Nahe der Grenze, auf deutscher Seite, starten sie das beladene Modellflugzeug und steuern es vom Auto aus (der kleine Sender hat eine Reichweite von rund zwei Kilometern) in etwa dreißig Meter Höhe heimlich, still und leise über die grüne Grenze. Drüben übernimmt ein anderer Sendewagen die Flugleitung und bringt den Haschbomber irgendwo in Mitteljütland zur Landung.

Dort wird er entleert und auf dem Luftweg nach Deutschland zurückgeschickt. Und so kann das noch lange hin und her gehen, fürchtet die Polizei. Denn die verflixten Dinger sind unglaublich flugtüchtig, kaum zu erwischen – und offenbar arbeiten ein paar gut eingespielte Teams miteinander... Horst Unger