Marcel Reich-Ranicki (Herausgeber): "Anbruch der Gegenwart – Deutsche Geschichten 1900 bis 1918." Nach "Erfundene Wahrheit", "Notwendige Geschichten" und "Gesichtete Zeit" ist dies Reich-Ranickis vierte Anthologie deutschsprachiger Erzählungen und diejenige, die zeitlich am weitesten zurückgeht. Sie enthält, in chronologischer Folge, vierzig Geschichten, angefangen mit Arthur Schnitzlers "Leutnant Gustl" aus dem Jahre 1900, endend mit Hermann Brochs "Methodisch konstruiert" aus dem Jahre 1918, dazu einen exakten bibliographischen Apparat und ein Nachwort des Herausgebers. Neben den bekannt gebliebenen oder erst in der Folgezeit bekannt gewordenen Autoren (wie Benn, Döblin, Hesse, Hofmannsthal, Kafka, Heinrich und Thomas Mann, Musil, Rilke, Werfel, Arnold und Stefan Zweig) finden sich auch fast vergessene (wie Ferdinand von Saar oder Gustav Sack). Die Sammlung soll nach dem Willen ihres Herausgebers das Gegenteil eines Literaturmuseums darstellen; er suchte nicht Erzählungen aus, die besonders charakteristisch für die literarische Szene zu Beginn dieses Jahrhunderts wären, sondern vielmehr solche, die sich bis heute nicht erledigt haben und damals den Anbruch der Gegenwart signalisierten. Aus dem Nachwort: "Die Literatur jener Jahre, die oft unerbittliche Gewissensforschung mit härtester Gesellschaftskritik zu verbinden mußte, spricht unmißverständlich auch vom Ausklang und Untergang der bürgerlichen Epoche, von der Katastrophe der Menschheit... Aus der Zeitspanne, die diese Anthologie umfaßt, (stammen) jene Modelle der deutschen Prosa, an deren Entwicklung, Vervollkommnung und Überwindung noch immer gearbeitet wird." (R. Piper & Co. Verlag, München; 534 S., 16,80 DM)

Ben Witter: "Ärgernisse", mit 12 Zeichnungen von Pit Morell. "Ärgernisse" sind hier die privaten Reflexe des Alltags, Widrigkeiten, die man kennt. Doch plötzlich und unbegründet verlieren sie ihre Belanglosigkeit; sie gehen auf die Nerven. Dabei sind es nur sogenannte Kleinigkeiten, die diese Tücke entwickeln. Ben Witter will den inneren Zwang deutlich machen, dem man in solch einer Situation ausgesetzt ist und der einen daran hindert, dem Selbstverständlichen souverän zu begegnen. Witter: "Das zieht Kreise – Kreise nach innen. Jedem seinen Ärger. Die Stolperdrähte sind Gemeingut, doch wer fällt, stößt sich selbst." (Langen Müller Verlag, München; 112 S., 12,80 DM)