Mir war in den langen Gesprächen mit Franz Stangl immer noch nicht ganz klar geworden, was ein Mensch, wie er in solch einer Situation empfand, was er, in all dem Grauen, das ihn umgab, Tag um Tag, dächte, fühlte. Immer wieder fragte ich:

"Sie waren sich doch des Schrecklichen bewußt, Sie mußten sich jede Nacht betrinken, um schlafen zu können. Was hat Ihnen sonst noch geholfen?"

"Ich weiß nicht. Vielleicht meine Frau, meine Liebe für meine Frau. Ich bekam regelmäßig Urlaub. Jede drei oder vier Monate."

"fühlten Sie sich Ihrer Frau nahe – wo doch so viel zwischen Ihnen verborgen bleiben mußte?"

"Die wenige Zeit, die wir zusammen hatten, redeten wir gewöhnlich über die Kinder, das tägliche Leben. Aber es ist wahr, es wurde zwischen uns anders. Es gab Spannungen. Und ich wußte, daß sie sich große Sorgen um mich machte. Ich selbst lernte erst bei dem Prozeß voll verstehen, was man alles gemacht hat."

"Bei. dem Prozeß wurde immer wieder gesagt, daß Sie den Ruf hatten, Ihre Arbeit vorbildlich zu verrichten. Die Gefangenen nannten Sie einen ‚Burgherren‘, einen ‚Napoleon‘. Sie wurden offiziell als der beste Lagerkommandant in Polen ausgezeichnet. Wäre es nicht möglich gewesen, Ihren Abscheu wenigstens anzudeuten, indem Sie etwas nachlässiger würden?"

Dies war einer der seltenen Augenblicke, wo Stangl ärgerlich wurde. "Alles, was ich aus meinem freien Willen getan habe, mußte ich so gut machen, wie ich konnte. So bin ich eben", antwortete er schroff.