Warum werden in Westeuropa und in den USA die Mädchen früher geschlechtsreif als anderswo auf der Erde? Warum verlagert sich der Zeitpunkt der ersten Menstruation, die sogenannte Menarche, stetig vor – seit 1900 hat sich das mittlere Alter, in dem junge Mädchen zu menstruieren beginnen, pro Jahrzehnt um drei bis vier Monate verringert.

Eine befriedigende Antwort auf diese Fragen ist bislang noch nicht gefunden worden, wenngleich es an Erklärungsversuchen keineswegs mangelt.

Jetzt glauben zwei amerikanische Wissenschaftler vom Zentrum für Bevölkerungskunde der Harvard-Universität einen einfachen Grund für die Akzelerierung der sexuellen Reife gefunden zu haben. Die beiden Forscher, Rose Frisch und Roger Revelle, studierten Gesundheitsblätter von 181 Mädchen, deren Körpergröße und -gewicht neben vielen anderen Lebensdaten in jährlichen Abständen registriert worden sind. Dabei ergab sich: Die erste Regel mag sich im zehnten oder erst im sechzehnten Lebensjahr einstellen – wesentlicher als das chronologische Alter ist offenbar das Körpergewicht. Denn fast ohne Ausnahme hatte bei den Mädchen die Menses eingesetzt, als sie ein "kritisches" Gewicht erreichten: 48 Kilogramm.

In ihrem Bericht in der Zeitschrift "Archives of Disease in Childhood" (Oktober 1971) verweisen die Doktoren Frisch und Revelle auf Befunde bei Tieren, die ebenfalls in recht unterschiedlichen Lebensaltern, jedoch bei einem charakteristischen Körpergewicht vermehrungsfähig werden.

Wenn das kritische Gewicht erreicht ist, so vermuten die beiden Harvard-Forscher, verändert sich der Stoffwechsel entscheidend, und dies hat wiederum eine Verschiebung im Hormonhaushalt zur Folge, der die Menarche bestimmt.

Die Korrelation zwischen Körpergewicht und erster Regel erklärt eine Reihe von Beobachtungen, etwa die, daß dicke Mädchen früher menstruieren als dünne, daß die Menarche bei normal wachsenden Mädchen früher als bei langsam wachsenden stattfindet, und auch, daß die im Durchschnitt gut ernährten Westeuropäerinnen und US-Amerikanerinnen früher gebärfähig sind als ihre weniger gut genährten Geschlechtsgenossinnen in anderen Teilen der Welt.

Victor Gero