Die Städter haben einen neuen Advokaten: den Fachmann für "Stadtgestaltung". Er will der Bedeutung nachgehen, die die Gestalt einer Stadt für ihre Bürger hat, und er will es theoretisch belegen und empirisch begründen. Vorige Woche präsentierte sich diese neue Sparte am Städtebaulichen Institut der Universität Stuttgart. Das erste Kolloquium, das ihretwegen veranstaltet wurde, hatte zehn Referenten angezogen und einen kleinen Saal voll Interessenten aus mehreren Universitäten und Hochschulen, wo dergleichen Fragen auf unterschiedliche Weise und Intensität nachgegangen wird.

Daß solche: Fragen erst seit ein paar Jahren wieder gestellt werden, hat geschichtliche Ursachen, Das 19. Jahrhundert hatte sich noch aus dem Fundus der Baugeschichte bedient; Stadtplanung regelte sich von selber, der Staat griff nur ein, wenn Gefahren abzuwenden oder Verunstaltungen zu vereiteln waren oder wenn, nach einem bayerischen Gesetz, etwas "gegen Symmetrie und Sittlichkeit" verstieß. Das 20. Jahrhundert machte sich davon ziemlich gründlich frei, begriff die Statistik als städtebaulich wichtiges Material und pflegte mitunter einen Funktionalismus, der die Ästhetik einer bis zur Skelettierung gehenden Abmagerungskur unterzog. Das Vertrauen auf den Rationalismus und Mißtrauen gegen die Intuition hatten letztlich auch die Mißgestalten unserer Städte im Gefolge.

Erst Außenseiter – wie Mitscherlich einer ist – haben die so lange schamhaft totgeschwiegene und verachtete Ästhetik wieder ins Gespräch gebracht und darauf hingewiesen, daß sie nicht nur eine Variante der Kosmetik ist, sondern eine soziale Funktion hat. Die Städtebauer waren währenddessen noch so heftig dem Diktat des Verkehrs unterworfen, daß sie, beispielsweise, die Qualität einer Straße viel mehr am Tempo des Verkehrsflusses maßen als an der Originalität ihrer visuell wahrnehmbaren Gestalt.

Und endlich wiegelte allmählich auch das Buch des Amerikaners Kevin Lynch die Städtebauer auf. Es lehrt, daß die Qualität einer Stadt auch davon bestimmt wird, wie sie sich "lesen" und "vorstellen" lasse, wie sie sich ihren Bürgern "einpräge". Lynch hat dargelegt, welche Rolle die Wege und bestimmte Bereiche der Stadt für den Benutzer spielen, was sogenannte Grenzlinien, die etwas abtrennen, einen Zusammenhang durchbrechen, bewirken, wie stark sich im Bewußtsein bestimmte städtische Brennpunkte, aber auch architektonische, topographische, visuell erlebbare Merk- und Wahrzeichen festsetzen.

Seit Lynch weiß man, daß es notwendig ist, nicht nur darauf zu sehen, wie glatt eine Stadt funktioniert, sondern wie sie aussieht, wie sie sich gliedert, sich ihren Bürgern darstellt und erschließt, welche physischen und psychischen Eindrücke sie hervorruft, kurz: welche Wirkungen von ihrer Gestalt und deren Elementen und Ensembles ausgehen und wie schließlich ihre (künftige) Gestalt so geplant und beeinflußt werden kann, daß sich die Bewohner damit auf möglichst angenehme Weise identifizieren können.

Diplom-Ingenieur Michael Trieb, Architekt und Lehrbeauftragter für Stadtgestaltung am Stuttgarter Städtebaulichen Institut – das dieses Fach zum erstenmal in der Bundesrepublik institutionalisiert hat –, deutete das Programm an: Man wolle "mit planerischen Mitteln versuchen, immaterielle, rationale, und irrationale Bedürfnisse der Menschen in ihrer städtischen Umwelt soweit wie möglich zubefriedigen Aber: "Die Forderungen der Stadtbewohner an ihre Stadtumweit können nur in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Vertretern der Anthropologie, der Verhaltensforschung, der Sozialpsychologie, der Informatorik und der Stadtsoziologie herausgearbeitet werden." Dann erst werde man Ziele der Stadtgestaltung überhaupt sicher formulieren können und schließlich auch die Mittel und Methoden finden, sie’zu erreichen.

Wie weit man damit ist, sollte dieses Kolloquium zeigen. Es zeigte einen Anfang, zuweilen, etwas ungestüm, etwas verworren, zuweilen unverständlich. Vor allem offenbarte sich das an drei Mentalitäten: