Von Gabriel Laub

Jede Kirche hat unangepaßte Mitglieder, die an Gott und Moral glauben und nicht an die Unfehlbarkeit der Oberhirten. Die kirchenähnlichen kommunistischen Parteien bilden da keine Ausnahme. Ein solcher kommunistischer Gottesmensch ist der tschechische Schriftsteller Ludvik Vaculík. Vor fünfundvierzig Jahren im mährischen Broumov geboren, absolvierte er die Lehre in einem wohlorganisierten kapitalistischen Großunternehmen, im Schuhkonzern Bata in Zlín. Dieser Konzern produzierte nicht nur Schuhe, er trainierte auch in eigenen Schulen – in der Stadt, die Bata gehörte – die produktivsten Arbeiter und dynamischsten Manager. Ludvík Vaculík beendete dort die Fachschule für Außenhandel und studierte dann in Prag von 1946 bis 1951 an der Hochschule für politische und soziale Wissenschaften. Vaculík arbeitete in der Studienzeit als Erzieher in einem Jugendheim. Der Beruf des Erziehers hat für ihn die gleiche Anziehungskraft wie der des Schriftstellers.

Von 1959 bis 1965 arbeitete Vaculík in Jugendfunk in Prag. Es war damals die interessanteste Redaktion im Rundfunk mit den lebendigsten, kritischsten und aufrichtigsten Sendungen. Wir lernten uns kennen, als er 1965 Redakteur der "Literární noviny" (später "Literární listy"), der Wochenzeitung des Schriftstellerverbandes, wurde. Auch in diesem Team, in dem sich die besten und aufgeschlossensten Publizisten des Landes versammelt hatten, war Ludvík Vaculík mit seiner Kompromißlosigkeit und Abneigung gegen das Taktieren eine Art enfant terrible.

Im Westen ist Ludvík Vaculík seit 1968 bekannt, als Verfasser der "2000 Worte", jenes historischen Manifests des "Prager Frühlings", das – einem bitteren Prager Witz zufolge – das beste Geschäft in der Geschichte des Landes darstellte: Für zweitausend Worte sind fünftausend Panzer in die Tschechoslowakei gekommen. Es war ein politisches Dokument, einmalig in der neuesten Geschichte Europas, ohne Politchinesisch, frei von jener Sprache, deren Vokabeln in den Partei- und Regierungswerkstätten totgeschliffen worden sind. Es war ein naives Dokument von der Art, die sehr junge und noch sehr idealistische gesellschaftliche Bewegungen kennzeichnet, in dem alles beim Namen genannt und die Grenzen zwischen Politik und Moral abgebaut wurden.

Ich wollte zunächst die "2000 Worte" nicht erwähnen, da Vaculíks Bücher keine politische Sensation nötig haben. Es ist aber unmöglich: Das Manifest trug viele tausend Unterschriften und hätte in seinem politischen Inhalt von mehreren tschechischen Schriftstellern formuliert werden können. Es ist aber auch ein persönliches Dokument – die heilige Naivität, die einzig und allein bewirkt, daß einfache und hohe Begriffe wie "Mensch", "Anstand", "Vernunft" und die der zehn biblischen Gebote lebendig bleiben, ist Ludvík Vaculíks eigene. Daß er der Verfasser war, ist nur selbstverständlich und symbolisch zugleich, wie alles, was in Prag 1968 geschah.

In einem Interview, das er im Januar 1967 seinem Redaktionskollegen Antonín Liehm gab, erzählte Vaculík, wie er Kommunist geworden ist: "In Zlín trat ich auch der Kommunistischen Partei bei. Meiner Meinung nach war das die einzige Partei, die einen Plan der Zukunf: entworfen hatte. Hinter ihr stand eine Literatur, ein theoretisches Werk, sie erstellte ein Maximalprogramm, während sich die übrigen Parteien nur negativ definierten." Seine Erfahrungen bei den Bata-Werken, die nach den Prinzipien von Taylor und Ford organisiert waren, brachten ihn dazu:. "Es war ein ausgezeichnetes Industriesystem, ich schätze es bis heute ungemein. Es wäre nur nötig gewesen, daß dort die Menschen nicht angebrüllt werden, daß Anständigkeit herrschte und daß die Arbeitsbedingungen humanisiert würden. Das versprach ich Trottel mir persönlich vom Sozialismus. Ich glaubte, daß dieses System produktiv genug war, um das Geld für seine Humanisierung zu verdienen. Statt dessen trat der Verfall ein, das System wurde ohne richtiges Urteil verurteilt, die Schinderei der Menschen blieb, nur daß aus gutbezahlten Arbeitern sehr schlecht bezahlte wurden. Der technische Fortschritt wurde der Fabrik für ein Jahrzehnt verboten, die ganze Branche geriet planmäßig ins Hintertreffen ... Kurz, unsere wichtigste Erfahrung ist die, daß wir den Sozialismus unserer Vorstellung nicht geschaffen haben ... Heute wissen wir viel genauer, was der Sozialismus nicht ist. Wir haben, und mit uns die ganze Menschheit, eine weitere Erfahrung gewonnen: Wie man nicht in eine glückliche Zukunft gelangen kann." (In: Antonín Liehm, "Gespräche an der Moldau", Molden 1968, und 1970 als Kindler Paperback mit dem Essay von Jean-Paul Sartre "Der Sozialismus, der aus der Kälte kam".)

In dieser Äußerung liegt schlechthin ein ganzes Programm: Der Sozialismus bedeutet ein produktives, hochorganisiertes und funktionierendes Wirtschaftssystem plus Menschenwürde und humane soziale Beziehungen. Es ist das Programm des Prager Frühlings und Vaculíks persönliches. Es ist das Programm der Täuschung und Enttäuschung der nichtopportunistischen Kommunisten.