In seinem ersten Buch "Rusny dum" (etwa: "Ein unruhiges Heim"), das erst 1963 erscheinen durfte, hat sich Vaculík kühn und unkonventionell mit den Problemen der Jugenderziehung auseinandergesetzt. Es war ein Versuch, mit einzelnen Fehlern des gesellschaftlichen Systems fertig zu werden. Sein zweites Buch –

Ludvík Vaculík: "Das Beil", Roman, aus dem Tschechischen von Miroslav Svoboda und Erich Bertleff; Verlag Fritz Molden, Wien/München/Zürich; 224 S., 18,– DM

in Prag 1966 erschienen, ist eine Generalabrechnung mit dem System im ganzen und damit auch mit sich selber – oder, wenn man will, mit sich selber und so mit dem System im ganzen.

Ein Journalist aus Prag (und Vaculík leugnet nicht, daß der Roman starke autobiographische Züge trägt) besucht Schwester und Bruder in Mähren. Konfrontiert mit der Landschaft, seiner Kindheit, den Menschen und mit dem, was aus ihnen nach zwanzig Jahren geworden ist, erlebt er in Gedanken sein ganzes Leben und das seines Vaters. Er ist der älteste Sohn, der Erbe der Träume und des Scheiterns seines Vaters, eines Zimmermanns, der vor dem Krieg in Persien Arbeit suchen mußte und nach dem Krieg als kommunistischer Funktionär zuerst eine Landwirtschaftsgenossenschaft und dann ein staatliches Landgut geleitet hat. Die Handlung spielt sich in einzelnen Szenen und Gedanken ab, in Wertungen und deren Überprüfung, in der Identifikation des Helden mit dem Vater und den Landsleuten und in der Erkenntnis, daß er sich ihnen entfremdet hat. Der Ich-Erzähler – es ist der Held und sein Vater zugleich – beichtet vor sich selber, einem strengen, unerbittlichen Beichtvater.

Ich habe "Das Beil" nach fünf Jahren wiedergelesen, und es wirkte auf mich noch stärker als damals, in der Zeit, als viele von uns, Vaculiks Altersgenossen, sich zu ähnlichen Gedanken durchrangen. Die deutsche Übersetzung, auch die beste, kann die durch den mährischen Dialekt im Dialog unterstrichene Erdnähe nicht ganz vermitteln. Der westliche Leser wird sich wahrscheinlich auch nicht genau vorstellen können, wie mutig es war, im Jahre 1966 Gedanken zu veröffentlichen wie diesen: "Die nebulose Entdeckung ordne ich in Koordinaten: Niemand ist allein, horizontal neben ihm und gleichzeitig mit ihm existiert ein Kollektiv der Lebenden. Hat er sie sich ausgesucht? Und dennoch wollen sie alle, daß er ihm gehorche. Dieses horizontale Kollektiv wird senkrecht durch das vertikale Kollektiv durchschnitten, über das nicht gesprochen wird, so daß es wirklich scheinen könnte, es existiere nicht. Aber wie real es doch ist! Und wie es uns diktiert und wie hart es zu uns ist, und für niemanden und nirgendwo gibt es einen Zufluchtsort vor ihm, und es ist unmöglich, ihm nicht zu gehorchen. Welch große Freiheit gewährt es uns aber dabei, wenn es uns bis zum Schießen, zum Selbstmord, zu alledem treibt, und wir rufen dennoch laut: Ich habe mich so entschlossen!"

Vaculík wurde im Herbst 1967 für sein Auftreten auf dem IV. Schriftstellerkongreß zusammen mit drei anderen Schriftstellern aus der Partei ausgeschlossen, im Jahre 1968 wieder aufgenommen, und jetzt ist er wieder ausgeschlossen worden. Antonín Liehm sagte, daß ihn "Das Beil" als Bild des Zerfalls der Strukturen fasziniert habe. Man kann das vielseitig verstehen – als Zerfall der Wirtschaft, der Ideale, der Landschaft, der menschlichen Beziehungen. Dem teilweisen Zerfall der polizeilichen Strukturen – in den letzten Jahren der Ära Novotnys verdankt das Buch, daß es in Prag erscheinen konnte.

Obwohl der Zerfall aller Strukturen in der Tschechoslowakei noch viel weiter fortgeschritten ist als vor fünf Jahren, die polizeilichen Strukturen sind wieder heil. Der neue, 1970 geschriebene Roman von