Von Jürgen Holm

Als der Amerikaner Bobby Fischer vor einigen Jahren gefragt wurde, ob er nicht an den Ausscheidungen zur Schachweltmeisterschaft teilnehmen wolle, sagte er: "Aber ich bin doch der Weltmeister."

Das halten außer ihm zahlreiche Kenner des Schachspiels für richtige Bobby Fischer wird allgemein als das größte lebende Schachgenie, als das vielleicht größte aller Zeiten akklamiert. Bisher hielt er aber die lästigen Präliminarien für überflüssig, die man durchstehen muß, wenn man offiziell im Glanz eines Weltmeistertitels strahlen will.

Die Prozedur dauert in der Tat drei Jahre, und das durch vielerlei Bestimmungen komplizierte Ritual setzt Ausscheidungen in zonalen und interzonalen Turnieren voraus, bis schließlich acht Kandidaten ermittelt sind, die untereinander im K.-o.-System die beiden zweitgrößten ermitteln, die in dem aus zwölf Partien bestehenden Herausforderungsturnier um die Ehre spielen, dann 24 Partien gegen den amtierenden Weltmeister wagen zu dürfen.

In diesem Herbst ist Bobby Fischer nun doch dabei. Man sagt, er habe sich erst Anfang des Jahres entschlossen, als es eigentlich schon zu spät war, und sich einen Platz im Kandidatenturnier der letzten acht gekauft. Da allerdings zog er mit Verve erst den Russen Taimanow und dann den Dänen Larsen vom Brett. Und nun sitzt er in Buenos Aires dem Vorgänger des amtierenden Weltmeisters, dem 45jährigen Tigran Petrosian, gegenüber.

Das Turnier hatte am 30. September mit einem Zug Fischers begonnen; er hatte in der Auslosung die weißen Figuren gewonnen. Bis zur fünften Partie schien alles offen. Nach je einem Sieg hatte es drei Remis gegeben; das Ergebnis stand 2,5 : 2,5. Dann aber zwang Bobby Fischer den Gegner zweimal hintereinander zur Aufgabe. 4,5 : 2,5 – nur noch zwei Siege oder vier Remispartien trennten Fischer von den 6,5 Punkten, die er aus zwölf Spielen erzwingen mußte, um endlich direkt den Thron angehen zu können. Für seine Freunde war es damit gelaufen.

Viele interessierte Laien erinnerte gerade dies argentinische Duell der Denkathleten an die Tatsache, daß das Schachbrett von seinen Erfindern, den Indern, eigentlich als Schlachtfeld konzipiert wurde. Jeder der beiden Spieler ist ein Feldherr, – der über gleich starke Heerscharen in sechs Dienstgraden verfügt, über den König, sieben Offiziere und acht Bauern als Fußvolk. Ziel des Spiels ist die Vernichtung des Gegners dadurch, daß man den feindlichen König bewegungsunfähig macht, ihn matt setzt bei gleichzeitigem höchstmöglichen Schutz des eigenen Souveräns vor solchem Schicksal.