Als die Studenten noch mit Steinen warfen, konnte so leicht nichts mit der Brisanz des Hochschulthemas konkurrieren. Heute sitzen die Demonstranten wieder in den Hörsälen oder sind im Beruf, das Interesse der Öffentlichkeit ist erschöpft und hat sich anderen Themen zugewandt. Die Hochschulen sind wieder sich selber überlassen, sich und dem zähen, mühseligen, oft qualvollen Reformgeschäft, das ihnen die Protestbewegung als Nachlaß vermachte und von dem sie kein Humboldt mehr entbinden kann.

Was von der hochschulpolitischen Schwungkraft der letzten Jahre übriggeblieben ist, was an Tradition überlebt hat und auf welche Weise sich die expandierenden Studentenzahlen auf den langwierigen Erneuerungsprozeß auswirken, kurz: in welchem Stadium die Reform sich befindet – das waren die Fragen, aus denen die in dieser Ausgabe beginnende Serie: "Unsere neuen Hochschulen" entstanden ist. Eher als an den alten "klassischen" Universitäten mußte sich an den Neugründungen feststellen lassen, was noch gute Vorsätze, was schon Taten sind. Sie hatten die Chance des Neubeginns, mit und ohne Studentenbewegung, denn die ersten von ihnen wurden bereits 1960/61 konzipiert.

Für die Gründung neuer Hochschulen gab es damals zwei Motive: der Wunsch nach Reformen und der Zwang, neue Studienplätze zu schaffen. Nach dem Kriege waren zwar schon die Universitäten Mainz, Saarbrücken, die Freie Universität Berlin gegründet und die Universität Gießen wieder eröffnet worden, aber dafür waren vor allem politische Ziele maßgebend gewesen. Der Reformidee kam erst der Wissenschaftsrat näher, als er 1960 seine "Empfehlungen zum Ausbau der wissenschaftlichen Einrichtungen" vorlegte. Das war die erste gründliche Röntgenaufnahme der Hochschulsituation, an der mit einem Male deutlich wurde, wie sehr die Hochschulen vernachlässigt worden waren.

Während das Deutsche Reich 1935 dreiundzwanzig Universitäten, zehn Technische Hochschulen und elf "sonstige" wissenschaftliche Einrichtungen hatte, bestanden in der Bundesrepublik 1960, mit größeren Studentenzahlen, nur achtzehn Universitäten, acht Technische Hochschulen und sieben "sonstige" Einrichtungen. Mit dem Ausbau allein war es nicht mehr getan, neue Hochschulen mußten gegründet werden.

Heute, elf Jahre danach, stehen neben den alten Universitäten die Neugründungen Bochum, Konstanz, Regensburg, Bielefeld, Trier-Kaiserslautern, Ulm, Augsburg, Dortmund, Bremen und die Gesamthochschule in Kassel, die in dieser Woche mit einer umfunktionierten Pädagogischen Hochschule im Fachbereich Lehrerausbildung den Studienbetrieb aufnimmt. Die Hochschulen Oldenburg und Osnabrück sind im Planungsstadium. In Lübeck wurde ein Klinikum errichtet, das heute noch zur Universität Kiel gehört, voraussichtlich aber der Anfang einer eigenen Hochschule ist; das Klinikum in Essen, noch zu Bochum gehörig, ist als Teil der Gesamthochschule Essen geplant. Die Medizinische Hochschule in Hannover ist ebenfalls neu.

Die Serie "Unsere neuen Hochschulen" kann nicht alle diese Gründungen umfassen. Wir haben uns jene herausgesucht, an denen die Probleme und die – noch bescheidenen – Erfolge der Universitätsreform am signifikantesten zu Tage treten. Chronologisch geordnet nach dem Datum ihrer Eröffnung wird Bochum den Anfang machen. Es folgen Konstanz, Regensburg, Bielefeld und Trier-Kaiserslautern. N. G.