Italienurlauber konnten sich nicht erklären, weshalb sie in diesem Jahr statt Wechselgeld fast immer Bonbons und Kaugummi zurückbekamen. Der Mangel an Kleingeld ist zur schleichenden Krankheit für die Lira geworden. Italiens Währungseinheit gilt nichts mehr. Wenn man 10 000 Währungseinheiten für eine Übernachtung und 7000 bis 8000 für eine Tankfüllung hinlegen muß, dann geht der Wertbegriff für die Münze verloren.

Die Folge: Stücke von zwei und drei Lire, die im Wert den deutschen Ein- und Zweipfennigstücken entsprechen, gibt es seit Jahren nicht mehr. An den Bankschaltern läßt man deshalb Fünfe gerade sein: Beträge unter fünf Lire werden zu Lasten des Kunden abgerundet.

Aber seit einem Jahr gebricht es auch an Fünf-, Zehn- und Zwanziglirestücken. Die Supermärkte haben mit dem Druck eigener Marken begonnen. Die automatischen Fahrscheinschalter der städtischen Autobusse von Pescara speien beim Einwurf von 100 Lire den Fahrschein zu 60 Lire sowie einen Bon im Wert von 40 Lire aus, den man bei allen Tabakläden des Ortes an Stelle des staatlich geprägten Geldes einlösen kann. Der Tabakwarenhändler erhält zehn Prozent Bonus bei der Einlösung der städtischen Geldmarken.

Die Kleingeldnot macht aber nicht nur erfinderisch. Sie eröffnet auch völlig neue Gewinnchancen. So zahlen die Banken, die ihre Kleingeld heischenden Kunden nicht an die Konkurrenz verlieren wollen, heute schon zehn Prozent des Kleingeldwertes als Agio an Münzengroßlieferanten. Trambahnschaffner haben sich deshalb zu Genossenschaften zusammengetan und schleppen nach Dienstschluß Kleingeld sackweise zu den Tresoren der Kreditinstitute. Kein Wertpapier bringt es zur Zeit auf eine derart hohe Rendite wie die kleinste aller Münzen. Geschäftstüchtige Pfarrer ziehen auf die gleiche Weise beträchtlichen Mehrwert aus der Kollekte.

Wer allerdings in die Münzautomaten der staatlichen Telephongesellschaft 50 Lire hineinwirft, bekommt die Telephonmünze im Wert von 45 Lire, aber meist keine fünf Lire in bar mehr heraus. Für viele Geschäftsleute ist die Kleingeldklemme eine Gelegenheit, auf Kosten des Kunden die Rendite zu erhöhen: Sie geben als Wechselgeld Karamellen, Teebeutel und anderen Krimskrams heraus, der bei weitem nicht den Wert der kleinen, harten Münzen entspricht.

Als ein Kunde in Mailand an der Kasse Bonbons statt Wechselgeld erhielt, sich besann und für den Betrag etwas Sinnvolleres kaufen wollte, bedeutet man ihm an der gleichen Kasse, Bonbons würden nicht in Zahlung genommen.

Mehr Glück hatte ein Bürger, der von seinem staatlich garantierten Recht auf Umtausch des Geldes bei der Zentralnotenbank Gebrauch machte. Zunächst sperrten sich zwar die Beamten mit dem Argument, auch der Zentralbank mangele es an Kleingeld. Als der Mann aber daraufhin dem Schatzminister schrieb, brachte ihm ein Sekretär die Münzen im Gegenwert von 100 000 Lire ins Haus (1000 Lire sind 5,45 Mark).