Von François Bondy

Nicht nur wegen der Einleitung und der nahezu vierzig einzelnen Einführungen ist die Anthologie des schwarzen Humors ein Hauptwerk André Bretons, des vor fünf Jahren gestorbenen Gründers der surrealistischen Schule. Kurz vor der Invasion hatte Breton diese Anthologie veröffentlicht, die vom Vichy-Regime sogleich verboten wurde – schwarzer Humor, das war zersetzend. Sein Gegenteil allerdings, „aufbauender Humor“, ist nicht vorstellbar, eher ist diese Wortzusammenstellung schon selber sein Stück schwarzen Humors. Zweimal ist die Anthologie nach dem Krieg – in erweiterter Fassung – neu erschienen; jetzt liegt sie in beispielhafter Übersetzung deutsch vor (wo nötig, zugleich im französischen Text), durch die Abbilder der darin vertretenen Autoren illustriert, wobei man auch eines der Collage-Gedichte Bretons zu sehen gewünscht hätte, mit denen er selber in die Reihe dieser Humoristen gehört –

André Breton: „Anthologie des Schwarzen Humors“, aus dem Französischen von Rudolf Wittkopf u. a.; Verlag Rogner & Bernhard, München; 555 S., 36,– DM.

„Amour fou“ – die blitzartige, magische, irre, totale, geheimnisvolle Liebe – und humour noir“, das sind zwei Buchtitel Bretons, die einander nicht nur vom Klang her entsprechen. Beide Male wird ein vertrauter Begriff aus alltäglichen Zusammenhängen gerissen und mit etwas Extremem verbunden. Die romantische Liebe verwundert bei Breton weniger als der Humor. Wer Bretons „Manifeste“ – bei Rowohlt in einem Band erschienen –, die Exaltierung des Traums, der automatischen Niederschrift, die Polemiken liest, der findet dort von Humor wenig Spuren. Auch in der unüberblickbaren Reihe persönlicher Erinnerungen an die, je nachdem, anziehende oder abstoßende „magnetische Persönlichkeit“ Bretons finden sich kaum Anekdoten, die zu lachen oder auch nur zu lächeln Anlaß bieten. Die „konvulsivische Schönheit“, das Interesse am Mystischen, am Mediumhaften, an Visionen der Entrücktheit, das Streben nach Einheit zwischen Bewußtsein und Unbewußtem, zwischen Leben, Kunst und Revolution – das alles weist nicht auf jenen Humor, der solche Einheiten zerstört, blitzartig zerreißt, der ein Spielverderber ist. Breton liebte ernst genommene Gesellschaftsspiele wie den „cadavre exquis“ (köstlicher Leichnam), bei dem jeder Anwesende eine Zeile schreiben mußte, ohne zu wissen, was der vor ihm geschrieben hatte. Auch aus solchen Spielen ergaben sich humoristische Effekte – aber kein Humorist hatte sie erschaffen.

In Bretons Beispielen für den „schwarzen Humor“ gibt es die überlegten Humoristen wie Jonathan Swift, dessen „bescheidener Vorschlag“, die überzähligen irischen Kinder als Leckerbissen auf die Tafel der Reichen zu bringen, politisch gezielt war, und die naiven oder unfreiwilligen Humoristen wie den Marquis de Sade, dessen kinderfressender Sexriese mit seinen lebenden Möbeln für den Autor kein Scherz war. Um Breton herum waren es vor allem die Künstler, die den echt surrealistischen Humor praktizierten: Max Ernst, Marcel Duchamp, Hans Arp, Dali. Breton hat Menschen, die er traf, wie jenen Sergeanten Vaché, der den Krieg überleben wollte, um sich dann selber umzubringen, zu eigenen Schöpfungen gemacht, wie seither Künstler „Findlinge“ aus Stein oder Holz unter ihren Werken ausstellen.

Die Anthologie ist eine „Ausstellung“ von Findlingen des surrealistischen Humors „avant la lettre“.

Die Bezugnahme auf Freud, der seinerseits mit dem Surrealismus nichts anfangen konnte, muß nicht überschätzt werden. Freud sah im Humor einen Sieg des Lustprinzips über das Realitätsprinzip unter Umständen, unter denen die Realität unbeherrschbar wird (Galgenhumor). Bei Breton zählt der romantische Begriff des Humors mehr als das Lustprinzip, er ist ja einer der besten französischen Leser der deutschen Romantiker wie auch Hegels gewesen, von dem er den Begriff des „objektiven Humors“ übernahm. Wollte der Dadaismus reinen Tisch machen, so brachte der Surrealismus die Früheren wieder zu Ehren, indem er sie annektierte. Nicht nur die Unmittelbaren Vorläufer Jarry, Apollinaire, Roussel, sondern zurück bis zu Lichtenberg, Grabbe, Poe.

Das „Schwarze“ dieses Humors ist verwandt mit „schwarzer Magie“, „schwarzer Messe“, „schwarzem Licht“, hat etwas mit Blasphemie, mit Zauber zu tun. Das stärkste Beispiel in der Anthologie ist Alfred Jarrys Schilderung des Passionswegs als eines Radrennens, das der Champion schließlich noch als Flieger fortgesetzt hat.

Ob es sich um den heute immer mehr gelesenen Charles Fourier handelt, zu dessen Wiederentdeckern in erster Linie Breton gehörte, oder um Alberto Savinio, den schreibenden Bruder des Giorgio de Chirico – die Anthologie bleibt nach dreißig Jahren noch reich an Entdeckungen, überraschend.

Der schwarze Humor ist nicht zu verwechseln mit dem „kranken Humor“, der aus den Staaten kam, mit seinen „sick jokes“ (Beispiel: „Mama, ich mag meinen kleinen Bruder nicht. – Schweig, iß, was man dir vorsetzt“). Doch ist der Humor kein „Witz“, er ist eher eine Laune oder, wie er schon in der Encyclopedie des achtzehnten Jahrhunderts definiert wurde, „eine originale Geschichte in einer besonderen Tonart“. Diese Tonart, in der erwartete Zusammenhänge zerstört werden und sich eben deshalb unerwartete Verbindungen einstellen, hat André Breton so genial erkannt, daß seine Anthologie ein folgenreicher Teil seiner „Botschaft“, seiner Wirkung bleibt.