Wie sich die moderne Forschung humanisieren läßt

Von Aharon Katzir-Katchalsky

Die Kernphysiker haben, seitdem es die Atombombe gibt, ein schlechtes Gewissen. Das macht zwar nichts ungeschehen, hat aber viele von ihnen veranlaßt, sich dem friedlichen Gebiet der Biophysik und Molekularbiologie zuzuwenden. Jetzt jedoch sehen sich die Molekularbiologen einer Situation gegenüber, die jener nicht unähnlich ist, in der sich die Atomphysiker vor einer Generation befunden haben. Aber noch ist Zeit zu überlegen und zu planen.

Einige typische Beispiele mögen zeigen, welche schwerwiegenden ethischen Fragen die Molekularbiologie, die Hirnforschung und verwandte Gebiete aufwerfen, Fragen, die eine neue Einstellung erfordern. Zunächst ein relativ einfaches Beispiel:

Das weibliche Geschlecht ist von zwei großen X-Chromosomen in jeder Körperzelle gekennzeichnet, in den Zellen eines männlichen Organismus hingegen befindet sich nur ein X-Chromosom und statt des zweiten ein kleines, schwaches, das sogenannte Y-Chromosom. Man hat herausgefunden, daß Abweichungen von dieser Gesetzmäßigkeit vorkommen. Es gibt Männer, die nicht nur ein‚ sondern zwei Y-Chromosomen haben, und man vermutet, daß eine Korrelation zwischen dieser abnormen Erscheinung und einer kriminellen Veranlagung besteht. Jedenfalls ist unter Männern mit Neigung zur Gewalttätigkeit der Prozentsatz derjenigen, die zu jenem X-Y-Y-Typ gehören, ungewöhnlich hoch.

Daraus resultiert ein ethisches Dilemma: Soll ein Mann, der bislang unbescholten, aber Träger der Chromosomen-Struktur X-Y-Y ist, in eine geschlossene Anstalt gebracht werden, oder soll man ihn frei herumlaufen lassen, bis er sich eines Verbrechens schuldig gemacht hat? Das Grundprinzip aller demokratischen Gesellschaften besagt, daß ein Mensch nicht bestraft werden kann, bevor er nicht für schuldig befunden worden ist. So gesehen, dürfen die Träger von X-Y-Y-Chromosomen ihrer Freiheit nicht beraubt werden. Doch schaffen wir mit dieser Entscheidung nicht die Voraussetzungen für mögliche grauenvolle Verbrechen?

Wenden wir uns noch wesentlich schwierigeren Problemen zu: Die Genetik hat einen Wissensstand erreicht, der es in naher Zukunft denkbar erscheinen läßt, daß die menschlichen Gene steuerbar und manipulierbar werden könnten. Dem amerikanischen Biochemiker Gobind Khorana ist es geglückt, ein vollständiges Gen einer niederen Pflanze künstlich herzustellen; im Prinzip also müßte man auch menschliche Gene synthetisieren, verändern oder austauschen können.