Übermäßige Neugier

Hier liegt das Problem der jungen Generation: Ihrer Überzeugung nach muß man sich in erster Linie von der natürlichen Neugier, die aller Wissenschaft zugrunde liegt, freimachen. Es besteht wohl kaum ein Zweifel, daß die Wißbegierde der Forscher tiefe biologische Wurzeln hat. Schließlich trifft man Neugier in der gesamten Tierwelt an – sie zeigt sich bei den Insekten, den niederen Säugetieren und auch bei den Primaten. Es ist schlichte Neugier und nicht etwa eine materialistische Zielsetzung, die die Entwicklung der Wissenschaft vorangetrieben hat. Die junge Generation klagt uns an, weil die Wissenschaft zu einer übermäßigen Neugier geführt habe – der Forscher "leide" an einer geradezu pathologischen Neugier, die nur ihn selbst befriedige, und um dieser Genugtuung willen sei er bereit, das Leben der Menschheit aufs Spiel zu setzen. Daher läge die Rettung im Anti-Intellektualismus.

Diese Betrachtungsweise ist nicht nur gefährlich, sie ist selbstzerstörerisch, da es letztlich keine Moral oder ethische Philosophie ohne Erkenntnis geben kann. Das steht schon in der Genesis, in der sich ein treffendes Bild findet: Erst als der Mensch vom Baum der Erkenntnis gegessen hatte, als er begann, seinen kognitiven Prozeß zu entwickeln, konnte er sein "wie Gott und wissen, was gut und böse ist".

Mit anderen Worten: Um Gut und Böse unterscheiden zu können, muß man zu Erkenntnissen kommen, denn ohne Intellekt sind wir unfähig, beides auseinanderzuhalten. Daher ist a priori Anti-Intellektualismus antimoralisch. Mithin heißt unser Problem: Wie läßt sich eine intellektuelle Einstellung, die moralisches Gewicht hat; fördern?

Seit einer Reihe von Jahren sehen Naturforscher und Philosophen in der Wissenschaft ein leitendes Prinzip für eine neue menschliche Existenz. Die Physiker waren die ersten. Sie erkannten, daß physikalische Gesetze menschliches Verhalten zwar nicht zu steuern vermögen, die Grundlagen der Wissenschaft jedoch im Einklang mit Moralprinzipien stehen müßten. Man wies darauf hin, daß die Wissenschaft zur Objektivität erzieht, indem sie lehrt, wie man eine Information richtig bewertet – im Fall des Physikers eine Information über die reale Welt.

Der wissenschaftliche Standpunkt hat in der Tat eine tiefe Bedeutung, denn er ist die Basis des persönlichen Reifeprozesses. Freud erkannte richtig, daß eine der Grundlagen menschlicher Reife das Erfassen des "Realitätsprinzips" ist, das Begreifen des Unterschiedes von Subjekt und Objekt.

Es ist sehr aufschlußreich, daß die Hippies in ihrem Kampf gegen die Wissenschaft auch das Freudsche Realitätsprinzip leugnen. So berichtet Timothy Leary, daß er unter Einfluß von LSD den wunderbaren Zustand erlebt habe, in dem sich der Unterschied zwischen Subjekt und Objekt aufhebe. Das bedeutet, LSD ruft eine infantile Gemütsverfassung hervor, in der die Trennung zwischen subjektiver und objektiver Welt noch nicht existiert. Die Ablehnung der Wissenschaft ist daher ein Rückschritt in der Entwicklung mit all seinen sozialen und moralischen Konsequenzen.