Von Joachim Nawrocki

Berlin, im November

In der West-Berliner Kleingartenkolonie Erlengrund grenzen die Grundstücke direkt an die Havel, aber baden darf dort niemand. Zur Kolonie Fichtenwiese kommen die West-Berliner Laubenpieper nur an bestimmten Tageszeiten. Dann öffnet sich auf ein Klopfzeichen eine Eisentür in der Mauer. Im Ortsteil Eiskeller im Bezirk Spandau leben zwanzig West-Berliner ohne Strom, Gas und fließend Wasser, denn sie sind nur durch eine vier Meter breite Landzunge mit West-Berlin verbunden. In Finkenkrug bei Brieselang wohnen DDR-Bürger auf West-Berliner Gebiet. Die 180 Einwohner Steinstückens sind zwar West-Berliner, aber sie können nur von Ärzten, Handwerkern und Feuerwehrleuten besucht werden, nicht dagegen von guten Bekannten, und die Amerikaner kommen im Hubschrauber.

Zehn Exklaven West-Berlins in der DDR und eine Quasi-Enklave – dieser Flickenteppich gehört zu den Absurditäten im Berliner Alltag. Sie zu beseitigen ist eine der Aufgaben, mit denen sich West-Berlins Senatsdirektor Müller und Ost-Berlins Staatssekretär Kohrt zu befassen haben. Denn das Vier-Mächte-Abkommen bestimmt: "Die Probleme der kleinen Enklaven einschließlich Steinstückens und anderer kleiner Gebiete können durch Gebietsaustausch gelöst werden."

Als Berlin noch nicht Groß-Berlin war, ließ der preußische Staat 1865 bis 1868 das Land vermessen, um Unterlagen für die Erhebung der Grundsteuer zu gewinnen. Grundstücke, die außerhalb des Wohnortes ihrer Besitzer lagen, wurden steuerlich und damit auch rechtlich den Gemeinden zugerechnet, in denen der Besitzer ansässig war. So wurden die heutigen Exklaven Bestandteil der Gemeinden Spandau, Gatow, Kladow, Wannsee und Zehlendorf. Bei ihrer Eingemeindung in Groß-Berlin brachten diese Gemeinden 1920 ihre abgesprengten Länderein in die neue Großstadt ein. Weder die Vier-Mächte-Vereinbarungen über Berlin von 1944 noch die Spaltung Berlins 1948 und die Einmauerung West-Berlins 1961 haben daran etwas geändert.

Anderthalb Quadratkilometer West-Berliner Gebiet sind nur notdürftig oder gar nicht zu erreichen. Nun sollen die bewohnten oder jedenfalls nutzbaren Gebiete West-Berlin direkt angegliedert werden, was auch im Interesse der Grenzbegradigung liegt, während im Tausch dafür die weiter entfernt liegenden Flecken der DDR überlassen werden sollen. Auch an der innerstädtischen Grenze möchte der Senat einige Zipfel eintauschen, die zu Ost-Berlin gehören und entweder ohnehin westlich der Mauer liegen oder aber Verkehrshindernisse sind.

Die Stadtverwaltungen in West und Ost haben präzise Vorstellungen darüber, wie ein solcher Gebietsaustausch vor sich gehen soll, aber einig sind sie sich darüber noch längst nicht. Denkbar wäre folgendes: