Von Hermann Bößenecker

Der Sturz war jäh, aber ohne dramatische Folgen. Paul G. Hahnemann, 59, schied am Donnerstag vergangener Woche von seinem Posten als stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Bayerische Motoren Werke AG (BMW), München, ohne daß es zu dem von der „Süddeutschen Zeitung“ noch am Freitag befürchteten Sympathiestreik der Belegschaft für ihren populären Verkaufschef kam. Betriebsratsvorsitzender Kurt Golda konnte pünktlich um 13 Uhr zum verlängerten Wochenende ins BMW-Erholungsheim nach Tirol fahren.

Der impulsive Hahnemann mußte das Spitzenmanagement der Münchener Autofabrik nach einem seit Monaten schwelenden Konflikt mit dem Vorstandsvorsitzenden Eberhard von Kuenheim, 43, verlassen. Kuenheim hatte gegenüber dem sechsköpfigen Aufsichtsrat und dem Großaktionär Herbert Quandt, der bei BMW über die Mehrheit verfügt, unmißverständlich mit Rücktritt gedroht, falls Hahnemann weiter im Amt bleibe. Sechs Wochen nach dem Fall des VW-Generaldirektors Kurt Lotz scheiterte damit erneut einer der führenden Bosse der deutschen Automobilindustrie.

Hahnemanns Karriere bei BMW begann vor zehn Jahren, als Herbert Quandt den damaligen Vertriebsdirektor der Auto-Union GmbH als stellvertretendes Vorstandsmitglied für den Bereich Verkauf engagierte. Damals steckte das Unternehmen gerade mitten in der Sanierungsphase, die ein knappes Jahr zuvor eingeleitet worden war. Als Hahnemann seinen Posten antrat, führte BMW in seinem Programm außer den unrentablen Achtzylinderkarossen nur den Kleinwagen 700, der 1959 auf den Markt gekommen war und die Zeit bis zur Serienreife des Mittelklassewagens überbrückte. Im Jahr 1962 lief dann das neue Modell, der BMW 1500, vom Band. Mit ihm leitete Hahnemann die Serie seiner großen Verkaufserfolge ein.

Der Straßburger Hahnemann, der sein Verkaufstalent schon als Abiturient mit dem Absatz von Ansichtskarten an englische Touristen in Baden-Baden erprobt hatte, führte sich vor dem Krieg als Opel-Großhändler in die Autobranche ein. Seine industriellen Ambitionen wurden gegeweckt, als er 1957 durch Vermittlung eines Freundes zur Auto-Union ging.

Aber erst bei BMW fand Quandts Protegé Gelegenheit, ein eigenes Marketing-Konzept zu verwirklichen. Hahnemann erkannte klar, daß sich ein im Vergleich zu den Massenproduzenten der Autobranche kleines Werk nur mit exklusiven Modellen für gutverdienende Individualisten im harten Wettbewerb behaupten könne. Seine Modellpolitik, die ihren Ausdruck in den schnittig-eleganten Typen der „neuen Klasse“ fand – auf den 1500er folgten BMW 1600, 1800 und 2000 –, ging unter dem Namen „Nischenpolitik“ in den Sprachschatz, der Marketing-Spezialisten ein.

Mit dieser Verkaufsstrategie verhalf er der weiß-blauen Traditionsfirma zu einem steilen Aufschwung. Der Umsatz schnellte in zehn Jahren von 250 Millionen Mark auf nahezu zwei Milliarden Mark im Jahre 1970 empor. Sogar in der Rezession 1966/67 blieb BMW im Gegensatz zu den meisten seiner Konkurrenten von Absatzeinbrüchen verschont. Vor Autohändlern urteilte der selbstbewußte Verkaufsstar seinerzeit überlegen: „Wenn einzelne Fabrikate Einbußen erleiden, so ist das keine allgemeine Krise, sondern ihre eigene, und die Ursachen sind entweder eine Fehleinschätzung ihrer Marktchancen, oder sie liegen an der Art des angebotenen Automobils.“