Bei den Nürnberger Prozessen waren Tätigkeitsberichte der „Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD“ aus Rußland bekannt. Man wußte aber noch wenig davon, daß diese SS-Truppen im Gefolge der Wehrmacht in der Sowjetunion bereits zum fünftenmal – nach Österreich, dem Sudetenland, der Tschechoslowakei und Polen – eingesetzt wurden. Noch weniger wußten die Richter von dem „Unternehmen Tannenberg“ – dem Tarnnamen des Reichssicherheitshauptamtes für den Einsatz beim Überfall auf Polen. (Formell wurde das RSHA erst am 27. September 1939 durch Zusammenlegung von Sipo und SD geschaffen – beide Institutionen waren jedoch schon vorher in der Person Heydrichs zusammengefaßt.)

Zu diesem finsteren Kapitel in der Geschichte des nationalsozialistischen Krieges veröffentlichte die polnische „Hauptkommission zur Erforschung der hitleristischen Verbrechen“ in der letzten Nummer ihrer verdienstvollen Zeitschrift authentische deutsche Dokumente:

Kazimierz Leszczynski: „Dzialalnosi Einsatzgruppen Policji Bezpieczenstwa na Ziemiach Polskich w 1939 R. w.Swietle Dokumentöw“, in: „Biuletyn Glöwnej Komisji Badania Zbrodni Hitlerrowskich w Polske“, Nr. XXII, Wydawnictwo Prawnicze, Warschau 1971 (Dokumente in Deutsch und mit polnischer Übersetzung.)

Kern der Veröffentlichung sind die Tagesberichte der Einsatzgruppen vom 6. September bis 5. Oktober 1939 an das „Sonderreferat Unternehmen Tannenberg“ beim „Chef der Sicherheitspolizei und des SD“ in Berlin (die Tagesberichte wurden am 6. Oktober eingestellt, am 17. Oktober verfügte Heydrich die Auflösung des Sonderreferats – unter Bezug auf einen Erlaß vom 25. August 1939! Seine Aufgaben übernahmen die bei den Verwaltungen im besetzten Gebiet eingerichteten SD-Dienststellen). Für den polnischen Teil der Dokumentation gibt es ein Namens- und Ortsverzeichnis.

Einige Bemerkungen zur Genesis der Einsatzgruppe der SS in Polen: Der damalige Oberst i.G. Eduard Wagner, Chef des Stabes beim Generalquartiermeister, notierte am 29. August 1939: „... Besprechung bei Ministerialdirektor Best (SD), anschließend bei dem berüchtigten Chef des SD – Heydrich. Es handelt sich um den Einsatz der Gestapo-Gruppen im Operationsgebiet. Wir kamen schnell überein.“

Das Armee-Oberkommando 10 erließ am 1. September 1939 „Besondere Anordnungen“, in denen es u. a. hieß: „Die Einsatzkommandos der Sicherheitspolizei werden zur Erfüllung ihrer Aufgaben auf unmittelbare Zusammenarbeit mit den in vorderer Linie eingesetzten Generalkommandos angewiesen ... Einsatzkommandos der Sicherheitspolizei: Bekämpfung aller reichs- und deutschfeindlichen Elemente in Feindesland rückwärts der fechtenden Truppe...“

Am 30. November 1945 sagte vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg der Vertreter von Admiral Canaris, Generalmajor Erwin Lahousen, aus. Er hatte am 12. September 1939 im Führerzug an einer Sitzung teilgenommen, bei der Keitel erklärte, „alles“ sei längst mit der SS vereinbart worden. Lahousen: „Man hatte sich nach Darstellung des damaligen Chefs OKW bereits über das Bombardement Warschaus und über die Erschießungen der von mir bezeichneten Volkskategorien oder Gruppen in Polen geeinigt... das waren vor allem die polnische Intelligenz, Adel, Geistlichkeit und selbstverständlich die Juden.“